Werden Aids-Ängste nun verdrängt durch Gleichgültigkeit?

Von Hans Harald Bräutigam

Vor knapp zwei Jahren wurden wir alle mit der grauenhaften Vision konfrontiert, die Immunschwächekrankheit Aids könnte große Teile der Menschheit dahinraffen. Der amerikanische Aids-Forscher Robert Gallo, damals stritt er sich noch mit seinem französischen Kollegen Luc Montaignier, wer als erster das HI-Virus entdeckt habe, sah ein Massensterben ungeahnten Ausmaßes vor uns. „Ganze Nationen sind von der Ausrottung bedroht“, erschreckte er die Öffentlichkeit. Der bekannte Biologe und Harvard-Professor Stephen Jay Gould behauptete 1987 im New York Times Magazine, daß „ein Viertel oder gar mehr von uns von der Seuche dahin gerafft würden“. Die von US-Präsident Ronald Reagan in die Aids-Kommission berufene Sexualtherapeutin Theresa Crenshaw verstieg sich gar zu folgender Prognose: „Wenn Aids sich weiter so ausbreitet, wie bisher, dann werden im Jahre 1996 über eine Milliarde Menschen bereits infiziert sein, fünf Jahre später sind es dann zehn Milliarden.“ Das Ende der Menschheit im Aids-Overkill?

Heute wissen wir, daß der Alarm falsch war, zumindest übertrieben. Und wir wissen auch, daß die apokalyptischen Vorstellungen von den Medien verstärkt wurden, die mit Vorliebe Horrorzahlen nachdruckten, die ihnen von computergläubigen Wissenschaftlern geliefert wurden. Aber auch anerkannte Institutionen wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) mußten sich deutlich korrigieren: Hatte die WHO im März 1987 noch fünfzig bis hundert Millionen Aids-Infizierte für 1991 vorhergesagt, so revidierte sie diese Zahl Ende vergangenen Jahres auf sechs bis sieben Millionen.

Solche massiven Korrekturen verleiten inzwischen manche dazu, in der Immunschwächekrankheit mehr ein psychosoziales als ein medizinisches Problem zu sehen: „Aids-Angst ist stärker als Aids-Infektion“, lautete kürzlich eine Schlagzeile. Vor allem in der Alternativszene machen die Thesen des Virologen Peter Duesberg von der Universität Berkeley in Kalifornien Furore. Duesberg behauptet, Aids sei in Wahrheit ein Sammelsurium verschiedener Krankheiten, die von ganz anderen Erregern als dem HI-Virus verursacht würden. Die angeblichen Immunschwächeviren wirkten nicht tödlich, sondern seien harmlos; ein positiver HIV-Test stelle deshalb keinen Anlaß zur Sorge dar. Diese These führt dann zu haarsträubenden Sensationsgeschichten wie „Aids – der größte medizinische Irrtum“ oder „Die große Aids-Lüge“.

Wie sieht nun, zwischen Horrorvisionen einerseits und unverantwortlicher Verharmlosung andererseits, die Lage tatsächlich aus? In der kommenden Woche treffen sich rund 10 000 Wissenschaftler zur Internationalen Aids-Konferenz in Montreal, um ihre Kenntnisse auf den neuesten Stand zu bringen. Nach Einschätzung von Fachleuten sind keine großen Überraschungen zu erwarten, etwa ein entscheidender Durchbruch bei der Herstellung von Impfstoffen oder Heilmitteln. Und die epidemiologische Lage bietet weder Anlaß zur Panik noch zur Entwarnung.

Aids – die Krankheit der Armen