Sie sind schwärzer, stärker und dicker als alle anderen, und ihre Raucher gelten als Individualisten mit einem unerschütterlichen Vertrauen in die Belastbarkeit des menschlichen Organismus. Das muß damit zusammenhängen, daß Gauloises (zu deutsch: Gallier) und Gitanes ihren Freunden mehr bedeuten als alle Softy-Fluppen dieser Welt zusammen. Denn schon lange bevor der Camel-Mann das erste Paar Stiefel durchgelaufen hatte und die Marlboro-Cowboys die Lassos schwangen, gehörten die brunes zum Savoir-vivre wie Boule, Rotwein oder Deuxcheveaux. Zudem wissen die Raucher der „echten Französischen“ das bessere Preis-Leistungs-Verhältnis ihrer Marken zu schätzen: Gauloises und Gitanes bieten mehr fürs Geld als die „blonde“ Konkurrenz. Denn im Vergleich zu ihr weisen die Päckchen der Filterlosen mit dem Gallierhelm und der tanzenden Zigeunerin wahrhaft gigantische Kondensat- und Nikotinwerte auf.

Nun ist für die Anhänger französischer Rauchkultur Gefahr im Verzuge. Die Gesundheitsminister der Europäischen Gemeinschaft haben zum Angriff auf die Werte geblasen. Bis 1993 soll innerhalb der EG der Gehalt an krebserregendem Teer in Zigaretten auf fünfzehn, bis 1998 auf zwölf Milligramm gesenkt werden. Das macht veränderte Tabakmischungen notwendig und läßt Raucher wie Hersteller um das über alles geschätzte charakteristische Aroma der gallischen Stäbchen bangen. Ganz zu schweigen von den französischen Tabakbauern, die um ihre Existenz fürchten. Denn die Tabakpflanze ist sensibel, und Neuzüchtungen brauchen Jahre.

Jetzt heißt es, trotz EG und Höchstkondensat-Verordnung ein Kulturgut zu retten, dessen Untergang ausgerechnet im 200. Jahr nach der Französischen Revolution so gut wie beschlossene Sache ist. Ganz Europa darf in Zukunft nur noch maximal zwölf Milligramm Teer pro Zigarette inhalieren. Ganz Europa? Ein kleiner Landstrich voll unbeugsamer Gallier trotzt jeder Krebsgefahr und den Aufrufen von Gesundheitsministerien und führt, wenn auch schlecht durchblutet und mit musikalischen Bronchien, ein glückliches, wenn auch etwas kürzeres Leben.

Michael Conrad