Von Helga Hirsch

Warschau, Ende Mai

In fast jedem Schaufenster der Krakauer Innenstadt hängen Plakate von Kandidaten der Opposition für den neu zu wählenden Sejm und den erstmals zu besetzenden Senat. Nahezu jede Bushaltestelle in Warschau ist beklebt mit Solidarnosc-Plakaten. Durch die Innenstadt fahren Straßenbahnen mit großen Aufschriften, die zum Wahlgang auffordern: Solidarnosc, mit ausgesprochen geringer Werbezeit in Radio und Fernsehen bedacht, ist hinaus auf die Straßen gezogen, in die Wohnviertel, die Betriebe und in die Universitäten. Die Kandidaten der Regierungskoalition hingegen präsentieren sich vor allem in den Sondersendungen und Nachrichten des Fernsehens; die Parteizeitungen sind voller Interviews mit ihnen.

Polen erlebt einen echten Kampf um Stimmen. Denn obwohl die Platzverteilung im Sejm mit 65 Prozent für die Regierungskoalition und 35 Prozent für die Opposition im vorhinein festgelegt wurde, gibt es für jede Seite noch viel zu gewinnen oder zu verlieren. Die Wahlen zum Senat nämlich sind frei, und an der Stimmverteilung für die hundert Sitze wird abzulesen sein, wie populär oder unpopulär die beiden großen politischen Lager im Lande augenblicklich sind. Außerdem gilt beim ersten Wahlgang am 4. Juni nur als gewählt, wer mehr als fünfzig Prozent der abgegebenen Stimmen erhalt; überschreitet niemand diese Grenze, muß die einfache Mehrheit beim zweiten Wahlgang am 18. Juni entscheiden. Noch gibt es viele Unentschlossene im Land.

Der Wahlkampf hat viele alte Erfahrungen auf den Kopf gestellt. "Unterwirf Dich nicht! Entscheide alleine!" lautet die riesige Schrift auf dem Plakat, das quer über die Einfahrtstraße der schlesischen Stadt Olkusz gespannt ist. "Hör nicht auf die Souffleure – wähle selbst!" empfiehlt die Tageszeitung Gazeta Krakowska, und in den Abendnachrichten wollen die Reporter in einer Blitzumfrage wissen: "Wählst Du die Kandidaten, die man Dir diktiert, oder wählst Du klug?" Wer nun meint, hier hätten Solidarnosc-Mitglieder das Presse- und Fernsehmonopol durchbrochen und attackierten die Partei, der irrt gründlich. Die Partei hat vielmehr die Argumentation des Gegners übernommen und gegen ihn selbst gekehrt. Die 260 Kandidaten von Solidarnosc – die zwar lokal aufgestellt, aber zentral vom Bürgerkomitee bei Lech Walesa gutgeheißen wurden – werden als neue Nomenklatura denunziert, als "Mannschaft von Lech Walesa", die wirklichen Pluralismus verhindere. "Soll die (künftige) Opposition in Sejm und Senat nur einer einzigen politischen Richtung angehören oder soll sie nicht eher Vertreter verschiedener Richtungen, kluge und wirklich unabhängige Menschen umfassen?" fragt die Parteizeitung Trybuna Ludu so unschuldig, als hätte sie nicht über vierzig Jahre lang die angeblich aus ideologischen und geopolitischen Gründen notwendige Einheit ins Feld geführt, um jede Opposition als unverantwortlich zu bekämpfen. Nun nutzt umgekehrt jeder Parteikandidat seine öffentlichen Auftritte, um "wirkliche" Unabhängigkeit dadurch zu demonstrieren, daß er möglichst nicht über seine Parteizugehörigkeit redet.

Eine verdrehte Welt, die Lech Walesa aber offensichtlich nicht zu irritieren vermag. Augenblicklich gäbe es noch keine Organisationen mit weitreichenden politischen Programmen, erklarte er am letzten Sonntag vor mehreren hunderttausend Glaubigen, die sich anläßlich einer ausschließlich für Männer organisierten Pilgerfahrt auf dem Kalvarienberg von Piekary Slaskie bei Beuthen versammelt hatten. Erst müsse eine möglichst geschlossene "Mannschaft" jene Freiheiten absichern, die es den Organisationen anschließend erlauben, ihre politischen Programme nach und nach auszuarbeiten. Deswegen, erklärte Walesa, sei es sinnvoll, wenn jetzt eine Mannschaft gegen die andere antrete: "Heute spielt Solidarnosc gegen die Regierung."

Noch glauben viele polnische Bürger nicht daran, daß die Zukunft besser als die Gegenwart aussehen kann. Deswegen tendieren sie bei den ersten Wahlen mit freiwilliger Beteiligung dazu, das zu tun, was Druck oder Angst vierzig Jahre lang verhindert hatten: einfach nicht wählen zu gehen. Den Gang zur Urne erzwangen in der Vergangenheit immer die Kommunisten. Nun ist auch dies auf den Kopf gestellt worden. "Gehst Du aus Faulheit nicht zur Wahl, freuen sich die Kommunisten!" steht in großen Lettern auf den Solidarnosc-Plakaten. Die Opposition wäre am stärksten von einer geringen Wahlbeteiligung betroffen, da sich gerade die Skeptischen, die mit dem System Unzufriedenen, ihre potentiellen Wähler, enthalten würden. "Geht wählen!" rief Walesa deshalb den Männern in Piekary zu. "Nicht meinetwegen, nicht wegen einer Organisation – geht Euretwegen wählen! Wenn es besser werden soll, dann müssen wir es alle gemeinsam tragen."