In der ZEIT wurde 1949 eine Geschichtslegende fabriziert: Der Nazi-Diplomat und ehemalige SS-Standartenführer Peter Kleist behauptete, die Sowjetunion habe Deutschland 1943 via Stockholm einen Separatfrieden angeboten. Viele Historiker haben diese Version unkritisch übernommen und sie zum Beispiel so interpretiert, daß Stalin auf diese Weise seine westlichen Verbündeten erpressen wollte, damit sie ihm weitgehende Konzessionen machten.

Vor sechs Jahren stellte Heinrich Graf von Einsiedel, ehedem jüngstes Präsidiumsmitglied im Nationalkomitee Freies Deutschland, ebenfalls in der ZEIT die Kleistschen Erzählungen scharfsinnig in Frage. Und 1986 konnte dann die Osteuropa-Expertin Ingeborg Fleischhauer aufgrund schwedischer Akten und freigegebener amerikanischer Geheimdienstdokumente in ihrem Buch „Die Chance des Sonderfriedens“ (bei Siedler) die wahren Hintergründe aufdecken.

Die Initiative zu den Friedenssondierungen zwischen 1943 und 1945 ging allemal von den Deutschen aus – von der Abwehr unter Admiral Canaris und von der Widerstandsbewegung, aber auch sehr intensiv von Außenminister Ribbentrop, von der SS und zuletzt sogar von Hitler selber. Einige ihrer Emissäre suchten Kontakt zur sowjetischen Vertretung in Stockholm mit Hilfe des vermögenden Kaufmanns Edgar Klaus. Dieser Rigaer Protestant mit jüdischem Fa-< milienhintergrund residierte seit dem Sommer 1941 als Vertrauensmann der Abwehr im neutralen Schweden. Der als Rußland-Experte hochgeschätzte Mann haßte das Nazi-Regime und focht einen aussichtslosen Kampf für den Frieden. Anders als die Nazi-Führer in ihrer Verblendung, die noch nach Stalingrad meinten, sie könnten die Ukraine behalten, anders auch als etliche Widerständler, die selbst 1944 noch Illusionen über den Frieden nachhingen, wußte Klaus, daß Deutschland mit dem Überfall auf die Sowjetunion den Weg ins Verderben beschritten hatte und halb Europa dem Stalinismus anheimfallen würde.

In das fintenreiche Spiel, das Klaus zunächst mit Hilfe der Abwehr, später auf eigene Verantwortung aufführte, wurde der SS-Mann Kleist – er war 1939 mit Ribbentrop nach Moskau geflogen – als Figur eingesetzt. Freilich merkte Klaus erst nach dem 20. Juli 1944, daß (der spätere Neonazi) Kleist nicht zum andren Deutschland gehörte.

Den noch fehlenden Mosaikstein in Sachen Klaus liefert jetzt der ehemalige sowjetische Geheimdienstoffizier Alexander Slavinas, der vor wenigen Jahren in den Westen übersiedelte. Er bestätigt, daß Canaris durch seinen V-Mann Klaus die Sowjetunion unausgesetzt vor dem deutschen Überfall gewarnt hat. Sein sowjetischer Gesprächspartner setzt Klaus mit diesem Bericht ein ehrendes Denkmal. Ingeborg Fleischhauer nennt Klaus einen „Mann zwischen den Welten, der in den Strudel des Untergangs gezogen wurde und aus der Geschichte verschwand“. Bitter enttäuscht über die verpaßten Friedenschancen, seelisch und körperlich zermürbt, erlag er 1946 einem Herzinfarkt – an dem Tag, als er aus Schweden ausgewiesen werden sollte.