Balkone sind für gemein kein Thema, ihnen fehlt die Aktualität und Brisanz, kurzum: der Balkon ist nicht der Mittelpunkt des gesellschaftlichen Interesses. Dabei, wir treten nun mit kritischem Blick ans Fenster, ist der Balkon geradezu ein Synonym für parasitäres Verhalten. Vermenschlichen wir ihn, können wir fragen: was macht denn ein Balkon den ganzen Tag? Er läßt sich gleichgültig hängen...

Eine Betrachtung der „tageszeitung“ vom 26. Mai

Historisches Museum: Nötigung?

„Natürlich“, so heißt es in einer Presseerklärung der Berliner Kultursenatorin Anke Martiny über ein Treffen mit Innenminister Schäuble in Bonn, „war das Interesse des Innenministeriums an der Berliner Haltung zum Deutschen Historischen Museum groß.“ Und „unmißverständlich“ habe der Innenminister klargemacht, „daß abgeschlossene Verträge auch nach einem Regierungswechsel noch gültig seien“. Nun sind die Verträge über den Bau des Deutschen Historischen Museums zwar geschlossen, aber weder der Bundestag noch das Berliner Abgeordnetenhaus haben sie bis heute ratifiziert. Wie im demokratischen Staatswesen üblich, haben die Parlamente das letzte Wort.

Damit aber auch künftig zwischen Bonn und Berlin alles „unmißverständlich“ bleibt, redeten der Minister und die Senatorin im weiteren Verlauf des Gespräches über Bonner Hilfe für vielerlei Berliner Kulturmaßnahmen, erörterten die Bundeshilfen für die Deutsche Film- und Fernsehakademie, den Europäischen Filmpreis, die Berliner Festspiele und eine ganze Reihe von Ausstellungen. „In allen Fällen“, so heißt es in der Presseerklärung, „zeigte sich das Bundesinnenministerium bemüht um Kooperation. Allerdings war der Zusammenhang zwischen der Berliner Haltung zum Deutschen Historischen Museum und den übrigen Kulturfragen für die Kultursenatorin und ihren Staatssekretär unverkennbar.“ Wie sollen wir das deuten? Bundesgeld für die Otto-Lilienthal-Ausstellung nur, wenn im Spreebogen gebaut wird? Subventionen für „Zeitgeist II“ nur, wenn Aldo Rossis Bau gebaut wird? Hilfe für die Filmakademie nur, wenn Rossis Plan mit allen Säulen verwirklicht wird? Und Bundeshilfe für die Ausstellung zur „Jüdischen Lebenswelt“ nur, wenn die Deutsche Geschichte auch über die volle Distanz von vierzehn Jahrhunderten geht? Wir müssen es wohl so deuten. Denn auch die weitere Finanzhilfe für die Berliner Festspiele hat das Innenministerium schon an Bedingungen geknüpft: kein Bundesgeld mehr für die Berliner Jazztage. Quatscht soviel ihr wollt, wer das Geld hat, gibt den Segen.

Festivalpoesie: Mit „dpa“ in Cannes

In Cannes, erinnert sich der Kritiker, herrschte diesmal eine besondere Hitze. Zwar brannte die Sonne vormittags nicht ganz so mörderisch vom Himmel, zwar kam am Nachmittag gelegentlich ein frischer, kühlender Wind auf – aber in der kleinen dap-Redaktion, von der aus uns die Festivalberichte Christine Wischmanns und ihrer dpa-Kollegen erreichten, muß in diesem Jahr ein geradezu subtropisches, schweißtreibendes Klima geherrscht haben. Nur mit übergroßer Wärmeentwicklung (und daraus resultierendem galoppierendem Sprachfieber) können wir uns beispielsweise die Bemerkung der dpa-Korrespondentin erklären, vielen „renommierten Filmkritikern“ sei in Cannes „das nationale Hemd näher als die cineastische Hose“. Und bloß ein rascher Griff zum Schweißtüchlein hätte uns womöglich einen Satz wie diesen (über den schwedischen Film „Die Frauen auf dem Dach“) erspart: „Ein Mann bricht in diese Beziehung ein, doch er muß dafür als Leiche im Schornstein büßen.“ Und wie grausam muß das mittelmeerische Klima den dap-Kollegen erst nach der Preisverleihung zugesetzt haben! Wir anderen dachten, das mutige und ergreifende Erstlingswerk „Sex, Lies & Videotape“ des Amerikaners Steven Soderbergh hätte die Goldene Palme von Cannes gewonnen; aber bei dpa erfuhren wir, daß der Mann nicht nur „Sonderbergh“, sondern sein Film auch „Sex, lies and videotapes“ heiße und „von den Beziehungsmacken einer bis in die Außenwelt abgeschotteten Vierergruppe“ handle. Wir hoffen, daß sich in den Untiefen dieses Satzes nicht etwa ein genaues Portrait der dpa-Festivalredaktion verbirgt; sonst müßten wir für die Zukunft von dpa in Venedig, Berlin und Cannes das Schlimmste befürchten. Am Ende von „Sex, Lies & Videotape“, das wissen wir noch, wird über den kommenden Regen gesprochen. Diesen erlösenden Guß wünschen wir auch Frau Wischmann und ihren bis zum äußersten abgeschotteten Kollegen.