ARD und ZDF, wochentags: „Parteien zur Europa-Wahl“

Europa ist mehr Projekt als Praxis – jedenfalls für den Wahlbürger, der mit Brüssel ein konfuses Stilleben aus Airbussen, Butterbergen und Bürokratie assoziiert und nicht weiß, warum er so was wählen soll. Die Parteien wissen es scheint’s auch nicht, denn sie bleiben in ihrer Wahlwerbung mehrheitlich bei der heimischen Innenpolitik. Wahrscheinlich haben sie alle recht, wem sie sagen, daß es wichtig ist, zur Wahl zu gehen, aber den Nachweis bleiben sie schuldig. Was ihre Spots bezeugen ist die Furcht jeder Partei, just ihre Klientel hocke trag zu Hause, derweil die anderen und die Protest- und Wanderwähler drauflosankreuzen, was der Stimmzettel hält. Aber sind wir Bürger/innen Stimmvieh, zu nichts Besserem da, als „unserer“ Partei die Stange zu halten? Wir möchten wissen, was sie für oder in Europa tun will.

Nun haben wohl die Werbeagenturen, über deren Inspirationen wir uns am Bildschirm wundern, den Parteistrategen folgendes erläutert: Im Fernsehen macht’s die Optik. Wohlan! Projizieren wir das visuelle Material, das uns die Spots nach Tagesschau und heute in die Stube schütten, auf Europa. Vielleicht erfahren wir dann, was zur Wahl steht.

Die Sonne. Auf die verzichtet kaum ein Spot. Jedoch scheint sie bedroht, umkämpft: Wolkenmonster jagen sie, ein gieriger Horizont schnappt nach ihr. Verschlingt oder erbricht er sie? Schwer zu sagen, denn so ein Spot währt nur circa drei Minuten, und wir erfahren nicht, wie’s mit der Sonne weitergeht. Ist sie eine Metapher für den Okzident, der seine Stärke in der Einheit sucht? Oder geht es um künftige Euro-Energie?

Bitte, Parteien, werdet deutlicher! Daß Ihr es könnt, beweist: Die Wiese. Auch sie ergrünt in fast jedem Spot. Auf ihr sitzen lachende Menschen, und junges Volk singt: „Wir sind Europa“. Diese Message kommt rüber: Das europäische Haus hat ein Grasdach. Oder wenigstens einen gepflegten Vorgarten. Aber ist das alles? Wie eigentlich sieht es im Innern aus?

Die einzigen, die sich hineingetraut haben, sind die Grünen. Da ihre kurze Geschichte es ihnen erspart, in Tradition zu machen, kam ein Werbespot zustande, der endlich tut, worauf der Wähler wartet: Man redet von Politik. Per Zeichentrick-Palaver werden sie abgehandelt, die eingebauten Hindernisse eines Euro-Umweltschutzes. Nun ahnt man doch, was in Europa alles schiefgehen kann.

Von Politik sprach auch die FDP, daher Platz zwei. Ihr Photoverschnitt featurete die Prominenz und die Wiese, aber immerhin, die Angst der Liberalen vor „Sozialismus“ durch die europäische Hintertür kam zur Sprache. Platz drei ist für den schaurigen Streifen der CDU, der neben Kohls Kopf Sätze wie: „Lassen Sie nicht zu, daß Radikale zerstören, was wir (!) in vierzig Jahren aufgebaut haben“ bot, eigentlich zu gut, aber die übrigen waren noch schlimmer. Übergehen wir die CSU, welche notorisch so tut, als würde die Welt ohne sie und Bayern ein Raub des Terrors. Kommen wir zu Platz fünf und zur SPD, die’s mit Morgenrot und Wiesengrund am ärgsten trieb. „Wir wollen wie die Wolken sein“, zirpen tanzende Teenies, machen es aber leider nicht wahr und zappeln weiter, anstatt zu entschweben. Die Partei, die in Europa einer verbreiterten freien Bahn des Kapitals den Schutz der Arbeit entgegenzusetzen hätte, sparte die Politik gänzlich aus. Hier wurde Europa vom Projekt zum Wolkenkuckucksheim. Barbara Sichtermann