Von Jutta Scherrer

Die Wahlen für das neue föderative Parlament der Sowjetunion, den „Volkskongreß“, haben es bewiesen: Glasnost läßt sich nicht – oder nicht mehr – als leerer Wahn der Intellektuellen abtun. Damit erhält auch ein Aufsatzband ihrer führenden Vertreter einen anderen Stellenwert. Vor einem Jahr hatten sich 34 Gesellschafts- und Naturwissenschaftler, Schriftsteller und Publizisten zur Aufgabe gestellt, die Frage nach den Perspektiven der Perestrojka zu stellen. Es handelte sich bei den Autoren ausschließlich Um Befürworter des Reformkurses von Gorbatschow, doch gehörten sie weder einer geschlossenen politischen Gruppe an, noch bekannten sie sich zu einer definierten Strategie. Einem jeden stand frei, das zu schreiben, was er für notwendig hielt. Vorherige Absprachen mit dem Herausgeber oder auch nur der Autoren unter sich – was Plan und Organisation des Bandes gewiß nicht zum Schaden gereicht hätte – gab es nicht. Es galt, die Sterilität der sowjetischen Publikationspraxis zu durchbrechen.

Rechtzeitig war der 700 enge Seiten umfassende Band zur Eröffnung der 19. Parteikonferenz Ende Juni 1988 ausgedruckt. Den nahezu 5000 Delegierten sollte ein Memorandum ausgehändigt werden, das an ihr Gewissen und ihre Verantwortung appellierte, denn nicht zuletzt von ihren Stimmen hing die Zukunft der Perestrojka ab. Doch die Bombe, die ganz Moskau den Sommer lang erregt erwartete, kam nicht zur Explosion. Die höchsten Autoritäten der Partei zogen es vor, die Veröffentlichung aufzuschieben.

Gorbatschow war offenbar nicht daran gelegen, mit den Konservativen in der Partei, in erster Linie Ligatschow, die Schwerter zu kreuzen. Das aber wollte die intellektuelle Avantgarde. Wenn diese, Gorbatschow beim Wort nehmend, vom „revolutionären“ Charakter der Perestrojka und von der „revolutionären“ Erneuerung der Gesellschaft spricht, so schließt das ihrer Meinung nach den Kampf der verschiedenen Gruppen miteinander nicht aus, es setzt ihn sogar voraus, wie die Soziologin Tatjana Saslavskaja argumentierte: „Den unvermeidlichen Charakter von Gegensätzen und auch eines erbitterten Kampfes zwischen den verschiedenen Interessengruppen im Zusammenhang mit der Perestrojka zu negieren hieße, die Augen vor der Realität zu verschließen.“ Für Saslavskaja – und andere – ist Gorbatschows Perestrojka „die Revolution des radikal und demokratisch gesinnten Teils unserer Gesellschaft gegen den konservativen und reaktionären Teil“.

Die laut Informationen des Moskauer Progress-Verlags gedruckten 50 000 Exemplare gelangten nie in den Handel und wurden anscheinend noch am Auslieferungstag selbst eingezogen. Wie und wohin sie verschwanden, weiß bis heute, selbst im Verlag, niemand zu sagen. Einige wenige Exemplare kursierten letzten Sommer unter der Moskauer Intelligenzija. Auf dem Schwarzmarkt wu-den sie für hundert Rubel pro Stück gehandelt. Die der Glasnost gegenüber aufgeschlossenen Medien berichteten über den Band – des höchsten Lobes voll – ganz so, als ob es ihn tatsächlich gäbe und jeder ihn hätte.

Als sich später im Herbst die innenpolitische Situation beruhigte, kam eine zweite, unverändert und lediglich kleiner gedruckte Auflage heraus. Doch die 100 000 Exemplare reichten für den sprichwörtlichen Hunger der sowjetischen Leser nicht aus. Was anscheinend notgedrungen dazu führte, daß der Band lediglich in die sowjetischen Buchhandlungen des Westens gelangte – Glasnost als Exportartikel? – sowie in die berühmten Moskauer Beriozka-Läden, in denen ausschließlich mit ausländischer Währung zu zahlen ist.

Inzwischen ist die erste Übersetzung in der Bundesrepublik erschienen. Ob das für die deutsche Ausgabe hinzugefügte Vorwort – Auszüge aus Gorbatschows die 19. Parteikonferenz einleitende Rede – als ideologische Absegnung des sowjetischen oder als gutgemeinte Initiative des bundesdeutschen Verlages zu verstehen ist, steit nirgends vermerkt. Genausowenig sind die Gründe für die Auslassung dreier Essays genannt