Am 9. Juni 1939 vergab das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Olympischen Winterspiele von 1940 nach Garmisch-Partenkirchen, wo sie schon 1936 stattgefunden hatten.

Heute, fünfzig Jahre später, sollte man sich daran erinnern, denn mit dieser Entscheidung hat das IOC damals einen seiner wesentlichen Grundsätze beiseitegeschoben: dem Frieden zu dienen. Als das IOC seinen Zuschlag erteilte, waren nicht einmal drei Monate vergangen, seit Hitler das Münchner Abkommen gebrochen hatte; deutsche Truppen waren in die „Restslowakei“ einmarschiert, der letzte Schritt auf dem Wege zum Weltkrieg war getan.

Die 29 Mitglieder des IOC, die im Juni 1939 im Dorchester-Hotel in London zusammenkamen, sahen sich in der unangenehmen Situation, die Winterspiele nicht plazieren zu können. Sapporo hatte die Spiele wegen des chinesisch-japanischen Krieges ein Jahr zuvor zurückgegeben. Oslo hatte einspringen wollen, dann aber ebenfalls einen Rückzieher gemacht, da es sich Skiweltmeisterschaften und Olympische Spiele im selben Winter nicht zutraute. St. Moritz war auf den Plan getreten, versuchte jedoch, die Situation für seine Zwecke zu nutzen und den Start von Skilehrern durchzusetzen – die nach IOC-Regeln Profis waren.

In dieser für das IOC prekären Lage brachte Ritter von Halt, das deutsche Mitglied des IOC-Exekutivkomitees, Garmisch-Partenkirchen ins Gespräch. Damit hatte das IOC die Wahl, sich zwischen drei Möglichkeiten einer Prinzipien-Verletzung zu entscheiden: die Spiele ausfallen zu lassen, gegen die eigenen Amateurgrundsätze zu verstoßen oder die Spiele im Lande eines Aggressors durchzuführen und damit den Grundsatz der Friedensverpflichtung aufzugeben.

In einem hektischen Telegrammwechsel versuchte das IOC in letzter Minute, die Schweizer zum Einlenken zu bewegen. Das mißlang. Daraufhin wurde zur Abstimmung gestellt, die Spiele ausfallen zu lassen. Doch der Verzicht – später durch die Kriegsereignisse erzwungen – wurde mit 27 zu 2 Stimmen abgelehnt. Anschließend vergaben die IOC-Mitglieder die Spiele einstimmig an Garmisch.

Dem Exekutivkomitee kam beim Zustandekommen dieses Votums entscheidende Bedeutung zu. Der belgische Graf Baillet-Latour als Präsident hatte sich lange um St. Moritz bemüht, der schwedische Vizepräsident Edström jedoch trat entschieden für Garmisch ein – er war mit Ritter von Halt eng befreundet und stand dem Nationalsozialismus positiv gegenüber.

Ritter von Halt selbst war schon 1932 als Kontaktmann des IOC zu Hitler aufgetreten; Parteimitglied seit 1933, verdankte er seinen beruflichen Aufstieg der NSDAP. Graf Bonacossa, das italienische Mitglied, hatte schon 1923 die Spalten seiner Gazetta dello Sport dem Faschismus geöffnet und galt als Vertrauter des sportbegeisterten Mussolini. Der Amerikaner Avery Brundage hatte 1936 die Spiele in Berlin sichergestellt, indem er die Mannschaft der Vereinigten Staaten gegen alle Widerstände und politischen Bedenken dorthin führte. Nur das britische Exekutivkomitee-Mitglied Lord Aberdare und der französische Graf Polignac waren dem Nationalsozialismus gegenüber reserviert.