In den Schalterhallen der Bank von China drängeln sich die Menschen und lösen ihre Guthaben auf. Draußen ziehen Trauermärsche vorbei. Gruppen aufgeregter Spekulanten belagern die Fernsehschirme mit den neuesten Börsenkursen; hier spekulieren sogar Putzfrauen. Um mehr als 1000 Punkte ist der Hang-Seng-Index gefallen, um 22 Prozent abgestürzt, so tief wie nie zuvor seit dem Kriege. Seit dem 18. Mai haben die Aktien 36 Prozent ihres Wertes verloren: Panik in Hongkong. Was heute in China passiert, widerfährt das morgen uns?, fragen sich die Menschen. Den Pekinger Kommunisten mag niemand mehr trauen.

Geborgte Zukunft auf geborgtem Land – wer hat es bisher so recht wahrhaben wollen? In den vergangenen drei Jahren ist Hongkongs Wirtschaft um 33 Prozent gewachsen. Die Basis war das Vertrauen in eine stabile Zukunft. Aber die Panzer von Peking haben auch in Hongkong dieses Vertrauen zerstört. Die Dogmatiker in Peking haben gezeigt, daß sie um der Macht willen vieles vernichten; warum sollte Hongkong eine Ausnahme sein? Mit einem Mal scheint die geborgte Zeit auszulaufen, ist das Jahr 1997 erschreckend nahe gerückt.

In acht Jahren nämlich fällt Hongkong an China zurück. So sieht es der zwischen London und Peking abgeschlossene Vertrag von 1984 vor. Viel Manövrierraum hatten die Briten bei den Verhandlungen nicht, aber Margaret Thatcher scherte sich herzlich wenig um ihr sonst so hehre Prinzipien. Demokratie und Menschenrechte sind für die fünfeinhalb Millionen Einwohner Hongkongs nicht vorgesehen. Um die guten Beziehungen zu China zu sichern, gab London sich mit dem Versprechen zufrieden, auf fünfzig Jahre werde der Kapitalismus über das Jahr 1997 hinaus nicht angetastet.

Jetzt ist sie wieder da, die alte Flüchtlingsmentalität, die nur Sicherheit sucht. Jeder dritte in Hongkong ist Flüchtling, weiß noch sehr genau, warum er China verlassen hat. Und das hat er an seine Kinder und Kindeskinder weitergegeben.

Das unpolitische Hongkong ist plötzlich politisch geworden. Mehr als eine Million Demonstranten zogen zweimal durch die Stadt. Rufe nach Neuverhandlungen über 1997 werden laut. Drei Millionen Hongkong-Chinesen mit britischem Paß drängen die widerstrebenden Engländer auf Wohn- und Aufenthaltsrecht. Zehntausende betreiben ihre Emigration nach Kanada, Amerika und Australien, 80 000 sind bereits in den vergangenen beiden Jahren gegangen, die besten und qualifiziertesten. Nun, so fürchtet man, werden sich die Schleusen geradezu öffnen.

Das von so vielen Hoffnungen begleitete "Modell Hongkong" wäre ein Beweis für die Erneuerungskraft und Flexibilität Chinas gewesen. Auch für das andere China auf Taiwan hätte es zum Vorbild werden können. Dort fällt die Führung nun auf die alten Positionen zurück, für viele sogar einleuchtend: ein China, zwei Regierungen.

Gabriele Venzky