Tiefe Nacht über der Taiga. Linienflug mit Aeroflot von Moskau nach Irkutsk. Seit zwei Stunden versuche ich, mich in dieser Sardinenbüchse heimisch zu fühlen, was angesichts äußerst enger Bestuhlung nicht so recht gelingen will.

Meiner Nachbarin, einer lustigen Rentnerin mit Fernziel Peking, scheint es nicht anders zu ergehen, eine gewisse Leibesfülle macht ihr dabei zusätzlich zu schaffen. Der Herr auf der anderen Gangseite, ein Offizier in Uniform, lächelt uns zu. Ihm reicht offensichtlich der gebotene „Komfort“.

Meine Nachbarin verwickelt mich sogleich in ein Gesprach, dessen Inhalt auch dem Rotarmisten nicht zu entgehen scheint; sein Lachein weicht einem Grinsen. Wir beschließen, geduldig auf das Essen zu warten, umgibt uns doch bereits seit einer Stunde der Duft knuspriger Hähnchen.

Das Essen ist köstlich. Die dazu gereichte Zuckerlimonade zerstört den guten Eindruck nicht. Kaum ist meine Rentnerin mit dem Essen fertig, putzt sie mit der Serviette kurz das Messer ab, um es dann auf ihren Schoß fallen zu lassen, von wo es sich seinen Weg in noch tiefere Regionen bahnt.

Mir entgeht es nicht, und so erfahre ich beiläufig, daß der Enkel der alten Dame Messer von Fluglinien sammelt. Nun ja, da kann ich mich nur räuspern, ein vorsichtiger Blick zum Offizier bestätigt, daß dieser diskret Löcher in die Kabinendecke starrt.

Es wird abgeräumt. Das Fehlen des Messers fällt nicht weiter auf. Doch zwei Minuten spater steht eine äußerst erregte Stewardeß vor unserer Stuhlreihe und fordert wild gestikulierend die Herausgabe des Messers. Meine Nachbarin stellt sich dumm an, sie versteht kein Russisch und auch kein Englisch.

Der Grünberockte greift ein. Mit einem Charme, den man sonst eher Franzosen nachsagt, fragt er in fließendem Deutsch, ob er wohl dolmetschen dürfe. Eine gewisse Röte steigt in unseren Gesichtern auf. Die Stewardeß vermisse ein Messer, übersetzt er. Er habe ihr gesagt, es müsse zu Boden gefallen sein. Man werde es suchen. Die Stewardeß gibt sich fürs erste zufrieden. Nun versucht die Ertappte möglichst unauffällig, das Messer aus der Handtasche auf den Kabinenboden zu befördern, was ihr dadurch vereinfacht wird, daß der Sowjetbürger wieder dazu übergeht, seine Blicke in die Decke zu bohren.