Die große Rohrdommel, auch Rohrpump, Moosreiher oder Wasserochse genannt, gehört zur Familie der Reiher, ähnelt diesen aparten Vögeln aber nur wenig. Der Körper ist plump, der Hals lang und dick, die Beine sind tief befiedert. Das Federkleid: schwarze Kappe, der Rücken grau-schwarz und gelblich; Gelb ist die Grundfarbe, auch auf der Vorderseite, die mit schwarzbraunen Längsstreifen gezeichnet ist. Die Rohrdommel ist siebzig Zentimeter groß und hat eine Flügelspanne von 1,20 Metern. Ende März trifft sie in den nördlichen Brutrevieren ein, die sie im Spätherbst verläßt. Die Vögel fliegen einzeln und überwintern in Südeuropa und in Nordafrika, vor allem am Nil. In milden Wintern sind sie aber in wenigen Exemplaren in Norddeutschland wie auch am Bodensee als Wintergäste gesehen worden, sogar in den letzten Jahren noch.

Den Namen „Wasserochse“ verdankt das Rohrdommelmännchen seinem Balzruf. Auf einen hohen Ton folgt ein tiefes Brummen, dem Klang einer dumpfen Glocke ähnlich. Brehm beschreibt es so: „Zum Anfange der Begattungszeit brüllt das Männchen am fleißigsten, beginnt damit in der Dämmerung, ist am lebendigsten vor Mitternacht, setzt es bis zur Morgendämmerung fort und läßt sich zwischen sieben und neun Uhr noch einmal vernehmen ... Die Rohrdommel steht beim Balzen nicht im dichtesten Rohr, sondern vielmehr auf einem kleinen, freien Plätzchen, denn das Weibchen muß seinen Künstler sehen können.“ Die Balz findet bei Nacht statt – und in windstillen Nächten ist der Ruf dieses „Künstlers“ zwei Kilometer weit zu hören, und dies bei geschlossenen Fenstern. Wer den Ruf nicht kennt, glaubt, daß da ein wildgewordenes Rind auf der Weide brüllt.

Das Nest wird in der Nähe des Balzplatzes gebaut. Selten ist es ein schwimmender Bau, meist wird es aus Schilf, Blättern, dürren Zweigen und Gras an den Stellen im Rohr angelegt, wo sich, möglichst weitab vom Ufer, eine Erhebung findet. Es ist, der Größe des Vogels entsprechend, eher ein auf dem Boden liegender Horst. Das Weibchen legt vier bis sechs knapp hühnereigroße Eier, die in drei Wochen ausgebrütet werden. Nur das Weibchen brütet. Nach etwa dreißig Tagen sind die Jungen flügge, können aber schon nach wenigen Tagen, wenn Gefahr droht, Nestflüchter sein und sich, vorzüglich getarnt, im Schilf verstecken. Die Feinde sind zahlreich, Krähen, Rohrweihen, aber auch Elstern plündern das Nest, und wenn der Wasserspiegel fällt, streifen Marder, Iltis, Dachs und Fuchs durchs Rohr, vertreiben die Alten und fressen die Jungen. Im Augenblick der Gefahr erstarrt die Rohrdommel zur Bildsäule. Dieser dickliche Vogel verwandelt sich, wenn Sonnenstrahlen das Rohr licht machen, zu einer Gerte, schlank, mit in die Höhe gerecktem Schnabel, wird er zu einem Teil des Dickichts, in dem er lebt, und damit manchen seiner Feinde unkenntlich.

In der Bundesrepublik steht die Rohrdommel auf der „Roten Liste“ der Vögel, die auszusterben drohen, obenan. In Baden-Württemberg ist die letzte brütende Rohrdommel 1963 registriert worden. Auch im Hamburger Umland ist sie verschwunden. Am Niederrhein soll es sie noch geben. Doch wer hat schon, als sie noch häufiger war, eine Rohrdommel gesehen? Tagsüber fliegt sie flach über die Schilfränder der Seen und Flüsse. Nahrung sucht sie ohnehin nicht in der Luft, sie ernährt sich von Wasserkäfern, Schnecken, Würmern, kleinen Aalen und Fischen.

An den Havelseen südlich von Potsdam, am Schwielow, an der Wublitz und selbst am Templiner See gab es die große Rohrdommel. Dort habe ich in einer Bucht, mit meinem Boot ins Schilf hineingleitend, was auch damals schon verboten war, die erste und einzige Rohrdommel meines Lebens gesehen. Alles, was ich aus Beschreibungen wußte, bestätigte sich: ein Vogel, hochaufgerichtet, regungslos, die Augen, als wollten sie den Eindringling hypnotisieren. Erschrocken und fasziniert zugleich, brachte ich mit langsamen Schlägen mein Boot aus dem Schilf heraus.

Die große Rohrdommel hat eine kleinere Schwester, die Zwergrohrdommel. Hundertfünfzig Gramm schwer, ist sie etwa taubengroß. Sie ist dunkler gefiedert als die große Dommel, doch der Lebensraum ist in Deutschland etwa deckungsgleich, allerdings ist die Zwergdommel auch an kleinen Gewässern und Teichen zu finden. Der Berliner Ornithologe Heinroth hat sie in den zwanziger Jahren noch im Charlottenburger Schloßpark gesehen und meinte, daß sie häufiger sei als man glaube.

Heute weiß man, daß beispielsweise in Baden-Württemberg 1981 noch etwa hundert brütende Zwergrohrdommelpaare zu zählen waren. Und es ist ungewiß, ob sich der Bestand stabilisiert hat. Was für den Oberrhein und für den Bodensee gilt, trifft auch auf andere Brutgebiete in den Bundesländern zu. Für diese sensiblen Vögel ist nicht nur der Lebensraum zerstört worden, also die Nistmöglichkeit in Auenlandschaften, an Teichen und Seen, sondern selbst da, wo dies noch gegeben ist, haben Abwässer und mit Chemikalien belastetes Oberflächenwasser den Vögeln die Nahrung genommen, denn wo gibt es denn noch Quappen, Wasserkäfer in großer Zahl, Kleinfische und Würmer?

Es ist immer dasselbe, der Kreislauf der Natur ist von Menschenhand auf vielfache Weise nachhaltig gestört. Schutzzonen, solange sie nicht großflächig sind, werden nur wenig bewahren. Und so werden Rohrdommeln für die Älteren unter uns eine Erinnerung sein und für die Jüngerern ein Vogel aus dem Bilderbuch.