Die Börsianer sind niemals vor Überraschungen sicher. Hatte es bis vor wenigen Tagen noch so ausgesehen, als sorgten ein vergleichsweise stabiler Dollarkurs und sinkende Zinsen in den Vereinigten Staaten für eine weltweit freundliche Stimmung auf den Aktienmärkten, so machten die Ereignisse in China den Optimisten einen Strich durch die Rechnung. Abgesehen von Hongkong kam es aber nirgendwo zu Panikverkäufen. Die Banken meldeten vielmehr ein erstaunlich geringes Angebot. Dadurch blieb ein spektakulärer Kursdruck aus. Weil sich die Lage in Peking allerdings durchaus verschärfen kann, war die Zurückhaltung der Anleger am Wochenanfang verständlich.

Da ein politisch begründetes Absacken der Aktienkurse erfahrungsgemäß nur von kurzer Dauer ist, wird zumindest am deutschen Aktienmarkt schon bald mit einem weiteren Anstieg der Notierungen gerechnet, die über die Anfang Juni erreichten neuen Jahreshöchststände hinausgehen könnten. Dies gilt insbesondere für den Fall, daß die Bonner Regierungskoalition bei der Europawahl nicht allzu schlecht abschneidet.

Die Aussicht auf sinkende Zinsen hat die Aufmerksamkeit vieler Anleger auf die Aktien der Finanzbranche gelenkt. Denn durch ein niedrigeres Zinsniveau verringert sich bei einigen Banken der Abschreibungsbedarf auf festverzinsliche Papiere, wodurch das Betriebsergebnis verbessert wird. Auf großes Interesse stoßen die Aktien der Deutschen Bank. Nicht nur, weil das Institut offenbar mit großem Erfolg das neue Jahr angegangen ist, sondern auch wegen der Lösung, die für Klöckner & Co gefunden worden ist. Hier soll die Bank für ihre Sanierungsbemühungen und den Verkauf an die Viag eine ansehnliche Prämie kassiert haben.

Wenn die Viag-Notierung zurückgegangen ist, dann hat dies rein markttechnische Gründe. Vom diesjährigen Tiefststand war der Kurs zunächst um fast vierzig Prozent gestiegen. Jetzt leidet er unter der Ankündigung der Gesellschaft, so bald wie möglich eine Kapitalerhöhung zur Finanzierung der Klockner-Übernahme durchführen zu wollen. Außerdem haben die Übernahmespekulationen einen Dämpfer erhalten, seitdem bekannt ist, daß sich die Bayernwerk AG inzwischen mit knapp 25 Prozent an der Viag beteiligt hat, die ihrerseits vierzig Prozent der Bayernwerk-Aktien hält. In den Augen der Börsianer ist das keine nachahmenswerte Konstruktion.

Bei der Veba hat sich die Verstimmung über die Kapitalerhöhung inzwischen gelegt. Die Banken sprechen insbesondere bei den privaten Aktionären von einer bemerkenswert hohen Bezugsbereitschaft. Außerdem hätte das Konsortium Vorsorge für eine reibungslose Plazierung der jungen Aktien getroffen, heißt es an der Börse. K.W.