Auftritte Chomeinis, zuerst in Teheran, dann in Qom und seit 1980 in Jamaran, einem in den Bergen gelegenen Vorort der Hauptstadt, hinterließen immer denselben zwiespältigen Eindruck. Mit todernstem Gesicht nahm der Ajatollah die exaltierten Huldigungen seiner Umwelt entgegen. Das Uraltgesicht unter dem schwarzen Turban blieb versteinert, verriet nie eine Gemütsbewegung. Für alle war er der Mittelpunkt, der Verzückung auslöste – und blieb doch allen entrückt. Er entfachte und verkörperte tiefe Sehnsüchte der Volksmassen – und distanzierte, trennte sich zugleich von ihnen.

Chomeini schaute seine Gesprächspartner nicht an, er blickte durch sie hindurch. Seine Augen schienen auf einen Punkt fixiert, den nur er zu sehen und ganz zu erfassen vermochte: den „Gottesstaat“ auf Erden und im Iran. Die Kompromißlosigkeit, mit der er sich diesem wirklichkeitsfremden Ziel verschrieb, ließ ihn zum Volkshelden und Volksheiligen der iranischen Revolution werden. Sie machte ihn gleichzeitig aber auch so unnahbar und unangreifbar. Umbrandet vom Jubel, wirkte Chomeini merkwürdig fern, fremd und einsam. „Mein Vater ist ganz allein“, gestand mir Sohn Achmad im Frühling 1979.

Als ich dem Imam damals in einem bescheidenen Hintergassenhaus der Mullah-Kapitale von Qom auf dem Teppich gegenübersaß, bestimmte Chomeini die Staatsgeschäfte des revolutionären Iran. Ehrfürchtig gebückte Besucher aus allen Landesteilen kamen und gingen. Sie küßten die Hand des Imam, flüsterten ihm ihre Probleme und Botschaften zu, überreichten ihm handbeschriebene Zettel, die in den tiefen Taschen seines schwarzen Talars verschwanden. Es ging um persönlichen Kleinkram, um Pässe, Erbstreit, Invalidenunterstützung. Auch um Wirtschaftspolitik, Importe, Exporte, Rohmaterialbeschaffung.

Die Industriellen-Delegation aus Isfahan, damals noch in Krawatte und an die Luxusfauteuils der Schah-Salons gewöhnt, fühlte sich im Schneidersitz vis-à-vis dem unergründlichen Ajatollah sichtlich unwohl. An der Tür redete Chomeinis Sohn drei ungestüm in den Raum drängenden Mullahs ins Gewissen: „Wenn ihr wirklich islamisch denkt, dann müßt ihr auch geduldig warten können.“

Es war wenige Tage vor dem Referendum über die Schaffung der „Islamischen Republik Iran“. Dabei sollten die Wähler das neue Staatswesen taufen, ohne dessen Geburt abzuwarten und die erst später redigierte Verfassung zu kennen. Vergeblich bemühte sich das liberal-islamische Lager um die Festlegung auf eine „Demokratische Islamische Republik“. Chomeini war nicht zum Nachgeben zu bewegen. Ich fragte ihn nach dem Grund.

Ohne Pause, manchmal in unverständliches Gemurmel übergehend, weitete sich die Antwort zu einem zwanzig Minuten langen Diskurs aus. Der leise Redefluß war getragen und gesteuert von aufgestautem Zorn. „Ich weigere mich, das Wort ,demokratisch‘ in den Mund zu nehmen, denn es handelt sich um ein Fremdwort, um einen Begriff des Westens“, so Chomeini. Er sei zwar bereit, die westliche Zivilisation zu respektieren, lehne jedoch die Übernahme „westlicher Werte und Richtungsweisung“ kategorisch ab. Der islamische Iran sei nicht mehr darauf angewiesen, sich durch ständige Zuhilfenahme westlicher Wertvorstellungen zu legitimieren. Dahinter verberge sich ein „Zustand kolonialer Abhängigkeit“ wie der „Versuch des Westens, den Islam zu entkräften“.

Chomeinis Monolog endete abrupt, als der Übersetzerin im Eifer das adrette Kurz-Kopftuch enthüllend auf die Schultern glitt. Der Ajatollah unterbrach Rede und Satz und wandte Sich ab. Der Rest war verärgertes Schweigen.

Andreas Kohlschütter