Von Gunhild Freese

Chomeini tot. Kommt so ein Mensch in den Himmel?" Welche Zeitung hätte diese brennende Frage wohl stellen können – wenn nicht Bild. Das Blatt, angeblich stets dem Wohl und Weh des kleinen Mannes verpflichtet, mühte sich auch bei diesem einschneidenden Ereignis im fernen Iran um die wirklichen Sorgen seiner Leserschaft. Die Antwort konnte naturgemäß nicht gegeben werden. Bild ist eben auch nicht mehr, was es früher einmal war. Man erinnere nur das "Wunder von Lengede" und die Schlagzeile "Gott hat mitgebohrt".

Doch solche Erkenntnissensationen haben auch bei Bild nichts mehr zu suchen. Längst ist das Blatt selbst auf der Suche: nach neuer politischer Richtung, neuem journalistischen Stil und – vor allem – nach neuen Lesern. Denn die Schlachten der Vergangenheit – gegen Grüne und Rote, gegen Studenten und Minderheiten – sind nicht ohne Wirkung geblieben – beim Blatt selbst. Ganze Lesergruppen, besonders die jungen Leute, gingen dem größten Massenblatt der Republik verloren. Die Auflage in den frühen achtziger Jahren noch auf der stolzen Höhe von 5,5 Millionen Exemplaren, sackte auf nun 4,3 Millionen. Allein im ersten Quartal dieses Jahres wurden 263 000 Exemplare weniger verkauft als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Daß das Hamburger Landgericht im Januar 1988 aus Wettbewerbsgründen das Gewinnspiel Bingo verbot, mochte dem Verlag alsbald nicht mehr als alleinige Erklärung für den rasanten Auflagenschwund ausreichen.

Bereits im Mai darauf reagierte deshalb das Management: Mit Werner Rudi als Chefredakteur und Claus Jacobi als Redaktionsdirektor wurde die Redaktionsspitze komplett neu besetzt. Rudi, erst Ende dreißig und erfolgreicher Chef von Auto-Bild, sollte dem Blatt eine neue Konzeption verpassen – und so die Auflagen wieder heben. Bild als "Knüppel der Nation" (Rudi) sollte es künftig nicht mehr geben. Rudis Rezepte: mehr Zwischentöne, eine direkte Ansprache der Jugend, mehr Themen über Umwelt und Lifestyle. "Gegen die Gesellschaft", so erkannte der neue Bild-Mann, "kann man nicht anschreiben." Sex und Crime, die bewährten Erfolgsthemen, sollten nicht mehr die Hauptrolle im Blatt spielen. "So können wir wunderbar in die neunziger Jahre segeln", schwärmte der neue Macher. So weit kam er aber nicht, schon nach einem Jahr – im Mai – mußten Werner Rudi und Claus Jacobi abmustern. Ihnen war es nicht gelungen, die Talfahrt des Blattes zu stoppen, jedenfalls nicht in zwölf Monaten. Nun stehen sie zwar noch im Impressum. Doch die Nachfolger sind schon seit dem 1. Juni am Werk: als Redaktionsdirektor Horst Fust sowie Hans-Hermann Tiedje und Peter Bartels als Chefredakteure – allesamt gestandene Bild- Leute, denen der Verlag vor einem Jahr die Wende bei Bild nicht mehr zugetraut hatte. Fust, der immerhin siebzehn Jahre Chefredakteur bei Bild war, hatte sich auf eine Beraterfunktion im Springer-Verlag zurückgezogen. Bartels hatte Entwicklungsaufgaben im Hause wahrgenommen, und Hans-Hermann Tiedje war in die Chefredaktion von Burdas Bunte nach München gewechselt. Dorthin war er dem einstigen mächtigen Bild-Chef Günter Prinz gefolgt, der den Springer-Verlag nach Differenzen mit Verlagschef Peter Tamm verlassen hatte.

Nun soll die Ehemaligen-Crew, der denn auch gleich die schöne Schlagzeile zum Ableben des Ajatollah Chomeini eingefallen war, wieder Auflage machen – obwohl doch auch die Springer-Manager ahnen, daß die großen Zeiten der Boulevardblätter vorbei sein könnten. Denn von den Verlusten der Bild- Zeitung konnten die direkten Konkurrenten, der Düsseldorfer Express, die Springer-eigene BZ in Berlin, die Münchner Straßenverkaufszeitungen TZ und AZ und die Hamburger Morgenpost meist nur geringfügig profitieren.

An der neuen Themenvielfalt und an der politisch etwas weicheren Linie soll sich auch unter den neuen Bild- Machern nichts ändern. Das jedenfalls versichert Heiner Bremer, seit Mitte Mai Sprecher des Springer-Vorstands, der selbst für mehr Öffentlichkeit und Liberalität seines neuen Arbeitgebers stehen möchte. Zuvor war er neunzehn Jahre Mitglied der Redaktion des stern, zuletzt einer von drei Chefredakteuren. Es sei auch nicht die Öffnung für neue Themen und Leser gewesen, die den geschaßten Blattmachern zum Vorwurf gemacht wurden, so Bremer. Vielmehr sei das Handwerk nicht ausreichend gewesen – zu viele wichtige Themen, vom Ladenschluß über den Bonner Disput um Quellensteuer und Gesundheitsreform, hätten sich nicht oder nicht ausreichend im Blatt niedergeschlagen. Und kürzlich hätte man gar eine Titelgeschichte des Szeneblattes tempo zum Aufmacher der Bild- Zeitung gemacht Das war wohl mehr als nur ein Lapsus, denn Verlag und Leser waren es schließlich gewohnt, ihrem Blatt Exklusivstories zu entnehmen. Ein bißchen "holzschnittartiger, offensiver und aggressiver" (Bremer) solle es bei Bild nun jedenfalls wieder zugehen. Bremer: "Die Enthüllungskompetenz muß zurückgewonnen werden."

Aber eine Rolle rückwärts, schwört der Verlagssprecher, wird es bei Bild nicht geben. Als Sprachrohr von CDU und Kanzler Kohl möchte sich das Massenblatt nicht mehr profilieren. Bremer: "Bild soll nicht Wähler, sondern Leser gewinnen."