Von Jürgen Gaulke

„Von Innsbruck herauf wird es immer schöner, da hilft kein Beschreiben. Auf den gebahntesten Wegen steigt man eine Schlucht herauf, die das Wasser nach dem Inn zusendet, eine Schlucht, die den Augen unzählige Abwechslungen bietet.“

Johann Wolfgang von Goethe, Italienische Reise, 8. September 1786

Mit vierzig Stundenkilometern zieht der Vierzigtonner tief brummend die sechsspurige Autobahn hinter Innsbruck hoch. „Sauber ist’s schon hier, da kann man nichts sagen“, läßt Hans Mayer hinterm Lenkrad verlauten. Wir fahren durch grüne Täler, an schroffen Hängen entlang, unter uns kleine Gebirgsflüsse, vorbei an blühenden Almwiesen mit grasenden braunen Almglockenkühen gleich neben der Autobahn. „Sauber sind’s ja, die Schluchtis.“

Hans Mayer mag keine Österreicher. Kein Fernfahrer mag Österreicher. „Beim Zoll sind’s nur freundlich, wenn sie mal was getrunken haben“, sagt Mayer. Wer sich beschwert, dessen Wagen wird stundenlang gefilzt. „Schluchtenscheißer“ heißen die Österreicher auf Kanal vier, wenn sich die Lastwagenfahrer über CB-Funk verständigen.

Hans Mayer will schnell fahren, seine Waren abliefern, schlafen und dann zurück zu Frau und Kind. Österreicher halten ihn nur auf. Erst stundenlanges Warten an der Grenze und jetzt auch noch Beschränkungen auf der Straße. Siebzig Stundenkilometer soll er mit seinem 420 PS starken Scania 142 von Kufstein bis zum Brenner fahren, wo er doch locker gute hundert schaffen würde. Muffelnd hängt Mayer seine Arme ins Lenkrad. Nachts darf er nur noch sechzig fahren – und ab Dezember gar nicht mehr. Die Österreicher mögen keine Lastwagen. Und vielleicht darf Mayers Lastwagen bald auch tagsüber nicht mehr durch Tirol fahren. „Und was mache ich dann?“

Zweimal die Woche fährt Mayer von Rosenheim nach Italien, hin und zurück, viermal also kutschiert er fast vierzig Tonnen über den Brenner. Viermal die Woche hört ihn Maria Hilber – jedesmal alle vier Achsen seines Hängers. Frau Hilber wohnt vierzig Meter unter der Gschnitztal-Autobahnbrücke in Steinach, elf Kilometer vor dem Brenner. Am 200 Meter entfernten Brückenende erzeugt jede darüberfahrende Lkw-Achse einen Schlag. „Früher war das jedesmal wie eine Bombenexplosion“, sagt Frau Huber – bei bis zu 9000 Lastwagen pro Tag. Acht Jahre lang haben sie und ihr Mann mit der Brenner Autobahn AG gekämpft, bis das defekte Widerlager ausgewechselt wurde – Millionen von Schlägen mußten sie aushalten. „Jetzt werden die Schläge schon wieder lauter“, fürchtet Frau Hilber.