Von Jurek Becker

Ein Freund nahm vor einiger Zeit eine Veränderung in seinen Wohnverhältnissen vor, die mich verwirrte: Er schaffte beinah alle Bücher aus seiner Wohnung. Nicht daß er sie verkauft oder verschenkt hätte, er packte sie in Kisten und Kartons – es waren die schönsten bibliophilen Ausgaben darunter – und schleppte sie in den Keller. Nur ein kleiner Schrank voll durfte bleiben, der in den Augen eines Besuchers nichts Auffälliges haben mochte, mich aber, der ich ständiger Gast in der Wohnung war, nur an die verschwundene Bücherpracht erinnerte und also betrübte.

Einige Tage wartete ich auf seine Erklärung, ich dachte, daß er es für der Mühe wert halten würde, dem einzigen Schriftsteller unter seinen Freunden die Einkellerung der Bücher zu erläutern. Doch er war offenbar nicht dieser Ansicht, es schien ihm nicht einmal bewußt zu sein, daß die Sache für mich von besonderem Interesse war. Ich war also gezwungen zu fragen. Ich mußte fragen, was ihm die Bücher getan hätten, daß er sie so zurücksetzte. Mein Freund legte mir versöhnlich eine Hand auf die Schulter, führte mich zu dem Schrank mit den verschonten Büchern und fragte, ob ich mir denn überhaupt schon angesehen hätte, nach welchen Gesichtspunkten er beim Aussondern vorgegangen sei.

Dort standen nur Nachschlagewerke: Synonymwörterbücher, ein etymologisches Wörterbuch für Zweifelsfälle der deuschen Sprache, ein Handbuch der Porzellanmarken, ein Malerlexikon, ein Schriftstellerlexikon, ein Teppichlexikon, ein Lexikon der deutschen Vornamen, eines der deutschen Familiennamen, eine vielbändige Enzyklopädie, alles in allem etwa hundertfünfzig Bücher. Ich fragte ihn, ob er sich etwa auf ein zukünftiges Leben als Kreuzworträtsellöser vorbereitete.

Auch das verzieh er und hielt mir, der ich so seltsam begriffsstutzig war, einen kleinen Vortrag: Es tue ihm leid, gerade mir das folgende sagen zu müssen, doch es sei langsam an der Zeit, Bücher von dem Heiligenschein zu befreien, den sie in den Augen mancher Leute hätten und der ihnen, wenn man es unvoreingenommen betrachte, mehr schade als nütze. Falsche Ehrfurcht halte die Leute eher vom Lesen ab und führe nicht, wie ich mir das wahrscheinlich einbildete, zu einem familiären Umgang mit Literatur. Es sei einfach absurd zu glauben, sagte mein Freund, Bücher hätten ein ewiges Aufenthaltsrecht in den Regalen und Schränken, Bücher dürften alle anderen Gegenstände überdauern, auch wenn sie noch so öde seien. Ich möge ihm verzeihen, aber wenn heute jemand von „seiner Bibliothek“ spreche, finde er das schon ein bißchen lächerlich. Ob ich denn den Blick dafür verloren hätte, wie die heutigen Wohnbedingungen seien? Ob nicht manche Leute allein schon deswegen weniger läsen, weil sie unter der Furcht litten, immer enger wohnen zu müssen, je mehr Bücher sie sich kauften? Ob ich mir nicht vorstellen könne, daß die Beliebtheit des Fernsehens unter anderem daher komme, daß der Apparat jeden Tag ein anderes Programm hergebe, ohne dabei größer zu werden?

Seine Befreiungstat (das ist tatsächlich sein Ausdruck) habe sich gegen die gesamte sogenannte schöngeistige Literatur gerichtet. Schon lange habe er den Eindruck, einem Schwindel aufgesessen zu sein, oder genauer – einem raffinierten Trick, dessen sich die Bücherproduzenten und die Buchhändler bedienten. Diese hätten den Leuten weisgemacht, Bücher seien eine Art heiliger Ware, eine, die man im Unterschied zu allen anderen Waren nach Gebrauch nicht wegwerfen dürfe, selbst nicht nach einer Schamfrist, eine Ware, mit der man, ist sie erst einmal erworben, bis an sein Ende zu leben habe, auch wenn man sie nie wieder benötige. Sogar dann, wenn ein Buch sich bei näherem Betrachten als schwachsinnig herausgestellt habe – und er kenne eine verdammte Menge solcher Bücher, sagte mein Freund – gelte es als frevelhaft, es einfach in die Mülltonne zu stecken.

Auf einmal hatte ich das Gefühl, als verlöre mein Freund die Geduld mit mir: Wie jemand, der sich bewußt wird, allzu lange falsche Rücksichten genommen zu haben, wurde er auf übertriebene Weise entschieden. Eine Bemerkung von mir brachte ihn besonders in Rage: Ich sagte, ich fände es traurig, daß offenbar nun auch auf diesem Gebiet die Wegwerfpsychose sich durchzusetzen beginne. Nicht genug, daß wir die kostbarsten Rohstoffe zu Müllbergen auftürmten, daß ein gemeingefährlicher Neuheitenterror uns vorschreibe, die nützlichsten Dinge zu vernichten, um Platz für angeblich bessere zu schaffen, nun kämen also auch die armen Bücher an die Reihe.