Der nette junge Mann sprach stockend, in seinen Augen stand das Wasser. „Nun will man uns“, sagte er bebend, „auch noch das letzte Stück Freiheit wegnehmen.“

In diesem historischen Augenblick, da anderswo Menschen ihr Leben aufs Spiel setzen, um das erste Stück Freiheit zu erkämpfen, ist es gut zu wissen, daß es auch deutsche Freiheitskämpfer gibt. Schauplatz der herzzerreißenden Szene war Berlin, wo Auto- und Motorradfahrer gegen eine skandalöse Maßnahme der Regierung Momper demonstrierten. „Das letzte Stück Freiheit“ – das sind jene sechs Kilometer Avus, auf denen nun das Menschenrecht zu rasen abgeschafft werden soll.

Ja, das ist die Freiheit, die wir meinen, die wir lieben, für die wir kämpfen bis aufs Blut – die paar Toten und Verkrüppelten, die das Rasen angeblich fordert (das müßte uns erst einmal einer beweisen!) sind als Preis für die Freiheit gewiß nicht zu hoch.

Der deutsche Mensch hat zur Freiheit ein schwieriges Verhältnis, die Rolle des Untertanen spielte er bisher gekonnter als die des Revolutionärs. Aber im Kampf um seine Sekundärfreiheiten hat er schon lange einsames Weltniveau.

Freiheit ist die Freiheit, Fußgänger zu jagen und Radfahrer an den Bordstein zu quetschen. Freiheit ist es, die Stereoanlage so weit aufzudrehen, daß es den Nachbarn aus dem Bette hebt. Freiheit ist es, die Bude vollzuqualmen. Bürgerfreiheit ist es, das Finanzamt zu betrügen. „Ausländer raus!“ ist Meinungsfreiheit. Bild- Zeitung ist Pressefreiheit. Sich vollaufen lassen und grölend durch die Straßen ziehen, auch das ist Freiheit. „Bier das war sein letztes Wort / dann trugen ihn die Englein fort“ – so geht die deutsche Marseillaise.

Wenn wir es einmal vorurteilsfrei betrachten, dann hat uns der Mann, der die Autobahnen baute, damit ein ganzes Stück Freiheit geschenkt. Eigentlich schade, daß er sonst so wenig für die Freiheit übrig hatte. Doch kehren wir lieber zurück zur Avus, jagen wir unsere Hochgeschwindigkeitsglosse in die letzte Runde!

Das neue deutsche Freiheitsdrama, es ist nicht von Schiller, es ist von Kawasaki. Ein gutaussehender blonder Mann in Lederkluft (gleicht er nicht Eberhard Diepgen?) stürmt in das Schöneberger Rathaus und spricht den historischen Satz: „Sire, geben Sie Motorenfreiheit!“ Und Momper, der Tyrann, erbleicht. Finis