Von Rainer Kayser

Der Anblick des sternenubersaten Firmaments in einer dunklen Nacht ist ein faszinierendes Erlebnis Ein Erlebnis freilich, das in unserer modernen Zivilisation kaum mehr möglich ist Die Sterne „ertrinken“ förmlich im Lichtermeer unserer Städte, gegen Straßenbeleuchtung, Flutlichtanlagen und Leuchtwerbung haben sie keine Chance Der faszinierende Anblick des schimmernden Bandes der Milchstraße bleibt einem Großstadter vorenthalten, und die Sternbilder lernen viele Großstadtkinder höchstens im Planetarium kennen

Die exzessive Beleuchtung unserer Städte beeinträchtigt jedoch mehr als nur die Romantik und Faszination des Sternenhimmels Astronomen in aller Welt werden durch die Lichtverschmutzung immer starker in ihrer Forschungsarbeit behindert

Im Jahre 1917 nahm das 2,5-Meter-Teleskop auf dem Mount Wilson in Kalifornien seine Arbeit auf Unterhalb des Berges konnten die Astronomen damals den schwachen Lichterschein von Pasadena und Los Angeles erkennen Siebzig Jahre spater erstrahlt der Himmel über dem Mount Wilson nicht langer vor Sternen, sondern durch die in der Atmosphäre reflektierte Lichterflut von Los Angeles Der Himmel ist fünfmal heller als das natürliche Hintergrundleuchten, welches durch chemische Reaktionen in der Hochatmosphäre verursacht wird – und die hochempfindlichen Gerate der Astronomen bereits genug stört Astronomische Beobachtungen sind damit unmöglich geworden, eine der renommiertesten Sternwarten mußte ihre Arbeit einstellen

Ähnliche Probleme plagen die Astronomen in allen Industrienationen Um der Lichtverschmutzung auszuweichen, wurden in den letzten Jahrzehnten neue astronomische Beobachtungszentren in entlegenen Gebieten mit möglichst geringer Bevölkerungsdichte errichtet Ein Beispiel dafür ist die Europaische Südsternwarte Eso, gelegen auf dem 2400 Meter hohen La Silla am Rande der menschenleeren Atacama-Wuste in Chile Aber der Bedarf an Beobachtungszeit ist weit großer, als ihn die wenigen Groß-Sternwarten befriedigen können So sind die Astronomen gezwungen, zum Schutz ihrer Arbeitsbedingungen der Lichtverschmutzung den Kampf anzusagen

Einer der Vorreiter dieses Kampfes ist Dave Crawford, Astronom am Kitt Peak Observatorium in Arizona, hundert Kilometer von der rasch wachsenden Stadt Tucson entfernt gelegen „Die Astronomen sind nicht gegen nächtliche Beleuchtung“, erläutert er, „aber wir sollten die bestmögliche Beleuchtung für die jeweilige Aufgabe benutzen “ Bestmöglich, das heißt möglichst wenig Licht nach oben abstrahlen, möglichst geringes Reflektionsvermogen der angestrahlten Flachen und möglichst Beschränkungen auf einen kleinen Teil des Licht-Spektrums

Die Kitt Peak Sternwarte gründete ein eigenes „Büro Dunkler Himmel“ mit einem jährlichen Etat von 25 000 Dollar, um die Lichtverschmutzung zu bekämpfen – mit Erfolg Nach jahrelangem zähem Ringen konnte Crawford Stadtvater und Industriebosse überzeugen, daß die Vermeidung der Lichtverschmutzung auch wirtschaftliche Vorteile, sprich erhebliche Energieeinsparungen, mit sich bringt Tim Hunter, ein Kollege Crawfords, errechnete, daß die USA drei Prozent ihrer elektrischen Energie, das ergibt etwa eine Milliarde Dollar, für die „Beleuchtung“ des Nachthimmels verschwenden Tucson hat heute die strengsten Auflagen für Außenbeleuchtungen der USA, und viele Städte in Arizona ziehen nach