Gegen Demokratie und Reformen setzte Chomeini seinen rückwärtsgewandten Fanatismus

Von Bahman Nirumand

Chomeini lebt nicht mehr. Millionen hatten ihn begrüßt, als er aus dem Exil zurückkehrte. Millionen begleiteten am Montag seinen Sarg. Die Hoffnung, der Tod des Revolutionsführers werde eine der blutigsten Epochen der iranischen Geschichte beenden, ist nicht sehr groß. Der Haß eines alten Mannes, der lange auf die Macht warten mußte, lebt in seinen Anhängern weiter.

Am 16. Oktober 1978 landete Ajatollah Chomeini, aus dem irakischen Exil kommend, in Paris, ein Ereignis, das viele Iraner verwunderte. Paris, die westliche Metropole, für viele islamische Fundamentalisten ein Symbol der Sünde und des Verderbens, schien kein geeigneter Aufenthaltsort für einen schiitischen Religionsführer. Chomeinis Schwiegersohn Eschraghi vermutete, daß Feinde – der Schah, die CIA oder andere – Chomeini eine Falle gestellt hatten: „Es ist zu Ende mit ihm“, rief er im Beisein von Vertrauten. „Als religiöse Instanz hat er mit dieser Reise seine Position nun endgültig verloren.“

Eschraghi irrte. Schon wenige Tage nach der Ankunft erwies sich Chomeinis Entschluß, in die französische Hauptstadt zu ziehen, als äußerst kluger Schachzug. Wäre er in ein islamisches Land, eine von Schiiten beherrschte Stadt gezogen, er hätte nie so leicht und ungehindert seine Botschaften an das iranische Volk und an die Weltöffentlichkeit übermitteln können. Vor allem die für den Iran bestimmten Sendungen ausländischer Rundfunkanstalten sorgten dafür, daß die Anweisungen Chomeinis unmittelbar ins Land gelangten.

Chomeini hat sich oft geirrt. Aber als die Macht zum Greifen nahe war, verstand er seine Chance zu nutzen. In diesem Punkt irrten die anderen. Die schärfste Waffe war die unaufgeklärte Masse. Chomeini erwies sich als ihr Meister, peitschte sie mit seinen Parolen hysterisch auf. Gestärkt durch den schon seit Anfang 1979 andauernden Volksaufstand gegen den Schah, hatte er bereits in seinem irakischen Exil begonnen, flammende Reden zu halten, die gedruckt oder auf Tonband in großer Auflage in ganz Iran unter das Volk gebracht wurden. Uberall in den kleinsten Dörfern, den Slums, den Armenvierteln, den Kneipen, Teestuben und den Moscheen saßen Frauen, Männer und Kinder um ein Tonbandgerät, den Worten des Heiligen aus Nadjaf lauschend.

Chomeini sprach den Menschen aus der Seele, sagte, was sie hören wollten, beklagte die Armut, die täglichen Demütigungen, schürte Haß und Rachegefühle. Seine Logik war plausibel, seine Sprache einfach. Einzelne, aneinandergereihte Satzbrocken, durchsetzt mit suggestiven und assoziativen Vokabeln, sollten ihn den zum überwiegenden Teil des Lesens und Schreibens unkundigen Massen näherbringen. So wurden für diesen konservativen, reaktionären Ajatollah, der alle industriellen Errungenschaften zutiefst verachtete, der nicht einmal bereit war, einen Telephonhörer in die Hand zu nehmen, und Fernsehen für gläubige Muslims verboten hatte, Tonbandgerät und Kassette zu unentbehrlichen Begleitern auf der Stufenleiter zur Macht.