Von Jürgen Krönig

Wo Zwietracht herrscht, laßt uns Versöhnung bringen, wo Irrtümer sind, laßt uns Wahrheit zeigen, wo Zweifel sind, laßt uns Zuversicht säen, und wo Verzweiflung herrscht, laßt uns Hoffnung bringen."

(Margaret Thatcher nach ihrem Wahlsieg am 4. Mai 1979, Franz von Assisi zitierend)

Der tägliche Alptraum für Millionen, die in der Megalopolis des Thatcher-Reiches arbeiten, beginnt mittlerweile gut zwei Stunden früher als vor Beginn der Ära Thatcher. Schon um sechs Uhr gleiten Rolls-Royce und Jaguars, Statussymbole einstmals nur der alten Elite, über die dann noch leeren Einfallstraßen nach London hinein. Ihre Besitzer wollen dem Chaos entgehen, das um halb sieben beginnt: Dann liefern sich die Fahrzeuge der neuen Reichen, Importautos vor allem wie die GTIs und BMWs, auf den müll- und schlaglochübersäten Straßen Londons einen erbitterten Konkurrenzkampf; ein Vorgriff auf die beruflichen Anforderungen des Tages. Früher waren es die Armen, die im Morgengrauen aufstanden und bis zum Anbruch der Dunkelheit arbeiteten. Heute hat sich das fast umgekehrt. Die Wohlhabenden erheben sich in aller Frühe, um an ihre Arbeitsplätze in den neuen britischen Boom-Industrien zu gelangen, bei Banken, Börse, Versicherungen, Werbung, Bausektor, im Dienstleistungsgewerbe. Sie fahren ins Westend, in die City hinein, oder in die wildwüchsige, von lokalen Auflagen unbehelligte Entwicklungslandschaft der Docklands, der früheren Londoner Häfen, in denen neue gigantische Bürohochhäuser und Luxusappartements aus dem Boden schießen. Ihr Weg führt sie durch dreckige Straßenschluchten einer Stadt, in der nach Angaben staatlicher Instanzen allein an die 30 000 jugendliche Obdachlose ihr Leben fristen, unter Brücken, Hochstraßen oder den Betonarkaden der Kulturpaläste am Themse-Ufer schlafen.

Den Schlendrian austreiben wollte Margaret Thatcher den Briten. Es ist ihr, man kann es auf den Straßen besichtigen, gelungen. Es wird mehr gearbeitet und früher aufgestanden. Der Wohlstand einer Gesellschaft wird in unseren Industriegesellschaften immer noch vor allem am Grad der Motorisierung gemessen. Die Briten fahren mehr, neuere und PS-stärkere Wagen denn je zuvor. Der Wagenflut zu entkommen und auf die Schiene auszuweichen macht wenig Sinn. In den überfüllten Vorortzügen und U-Bahnen, die mangels staatlicher Investitionen immer störanfälliger werden, gibt es kaum noch Stehplätze. Das Auftauchen der New Yorker Vigilantengruppe Guardian Angels in London, stieß auf breite öffentliche Zustimmung. Inzwischen wurde ein britischer Ableger der Ordnungstruppe für den Untergrund ins Leben gerufen. Sie soll jetzt die Angst vor Überfällen und Gewalttaten nehmen. Die Atmosphäre ist mißmutiger und biestiger geworden. Auf dem Weg durch überfüllte Tunnel und Flure der Bahnhöfe werden immer häufiger Ellbogen eingesetzt. Ähnlich das Bild auf den Straßen: Rücksichtslos rasen die Autofahrer, Geschwindigkeitsbeschränkungen werden immmer häufiger ignoriert. Fußgänger können sich selbst auf der einstmals heiligen Institution der Zebrastreifen nicht mehr sicher fühlen. Das alte England der behutsamen und höflichen Autofahrer, dem Deutschen früher ständiger Anlaß zu peinlicher Selbstkritik, existiert nur noch in abgelegenen ländlichen Gegenden, die vom Fortschritt verschont geblieben sind. Wen wundert es, daß die Polizei erfolgreich nach dem Recht verlangte, Radarfallen aufzustellen und beliebig Alkoholkontrollen durchzuführen. Ein solches Ansinnen wäre vor ein paar Jahren noch mit einem Aufschrei der Empörung beantwortet worden. Den meisten Briten galt dies stets als hinterlistiger Anschlag staatlicher Instanzen auf den Bürger. Jetzt hat die Mehrheit ein Einsehen und verlangt nach schärferer Aufsicht über sich selbst. Common sense und die früher so weitverbreitete Rücksicht auf den anderen, mag sie eigentlich auch mehr dem Wunsch entsprungen sein, nicht behelligt zu werden, sind mehr und mehr verschüttet. Staatlich erzwungene Ordnung ersetzt private Einsicht.

"Die Briten sind ja wie die Deutschen geworden", entfuhr es spontan einem (deutschen) Gesprächspartner, dem diese sozio-psychologische Veränderung einer Nation geschildert wurde. "Die Deutschen" und "die Japaner" aber waren exakt die Vorbilder, an denen Margaret Thatcher ihr Programm zur Modernisierung Großbritanniens ausdrücklich orientierte.

Aus dem kranken und leicht schmuddeligen Insulaner Europas ist nach zehn Jahren harter Fitneßkur ein einigermaßen wettbewerbsfähiges, wenn auch nicht sonderlich reinliches Land geworden, wie allein die Umweltbilanz Großbritanniens offenbart. "Wir waren in Gefahr, ein zweites Portugal am Rande Europas zu werden", räumen selbst Vertreter des liberalen Bürgertums ein, die mit einer Mischung aus Abscheu und Bewunderung auf die ökonomische Erneuerung schauen, die von den neuen Mittelschichten ausgegangen ist. Mag das heutige Großbritannien auch unwirtlicher geworden sein, bei den Wahlen hat bislang noch die Einsicht gesiegt, daß zunächst die wirtschaftliche Gesundung und der damit verbundene größere individuelle Wohlstand zählen.