Von Heinz Josef Herbort

Es beginnt mit einem zerplatzenden Luftballon. Dessen Knall setzt das Signal zum Anfang (und dann auch zum Schluß) einer Szene, die Elemente von Slapstick und Moralität verbindet: einer Pantomime zwischen einem weißhaarigen Alten in gelbem Filzhabit, einem Farbigen in rotem (eher auf ein feminini generis weisenden) Umhang und einem Franziskanermönch. Deren ruckartige Veränderungen von Gesicht, Haltung oder Geste werden untermalt oder gestützt durch kleine Klang-Akzente, die am Rande der Bühne ein Geräuschemacher herstellt, indem er auf einem Luftballon reibt, mit einer Kindertrompete quäkt oder in einem musikalischen Selbstgespräch nachdenklich vor sich hin summt. Dreidreiviertel Minuten dauert dieses liebenswerte – fröhliche oder ernste, wer weiß es – Geschichtchen vor dem Vorhang mit einer Anspielung auf Hollands populäre Schlüsselfiguren Jan en Griet. Ein ähnliches schiebt sich zwischen die je folgenden Abschnitte.

Nur: was mag das mit der „Materie“ zu tun haben – denn so ist jenes Stück betitelt, das an diesem Abend im „Muziektheater Amsterdam“ uraufgeführt wird?

Es beginnt mit einem Fortissimo-Schlag des ganzen Orchesters, einem noch nicht genau zu definierenden Akkord. Zunächst scheint es, als werde ein Vierviertel-Takt Tempo 60 gespielt, auf jedem ersten Taktschlag ein Akkord – ständig derselbe. Oder ist es nur der gleiche, in dem sich langsam durch dynamische Verschiebung eine Tonalität herausbildet: ein G-dur-Dreiklang mit, irgendwo in tieferer Lage, eingeschobener Sexte? Einhundertvierundvierzig Mal erklingt dieser Ackord, in ständig schneller werdendem Tempo, hier und da verzögert wie in kleinen Synkopen oder Rubati. Erst in den letzten Takten schiebt sich die Sexte nach oben in den Diskant.

Harmonik-Wechsel: Vom d über e schreitet die „Melodie“ zum fis (H-dur ist erreicht, aber wie in einem Bigband-Satz erweitert um Sexten und Nonen), weiter zum g (der „Pfefferminz-Akkord“ mit zugefügter großer Septime und beiden Arten von Terzen wie Sexten wird zwei Dutzend Mal wiederholt), klettert noch weiter zum a (über einer d-moll-Basis), pendelt dann ein paarmal hin und her – dreieinhalb Minuten dauert dieses Artillerie-Feuer aus dem Fünfzig-Musiker-Orchestergraben in ständig wechselndem Schlagtempo. „Materie“?

Schlagartig auch der Wechsel in ein völlig anderes Klangkolorit. Aus dem Orchestergraben skandieren acht Vokalisten elektronisch verstärkt eine Kette aus nun nicht mehr so genau definablen Vielton-Akkorden zu einem keineswegs mehr verständlichen Text (der sich im Programmheft als Teil jener Proklamation – „Plakkaat van Verlatinge“ – ausweist, mit der die General-Staaten der niederländischen Nordprovinzen sich 1581 vom spanischen König Philipp II. lossagten, um sieben Jahre später ihre Republik zu gründen). Ein Hammer-Staccato von Vibraphon und Marimba bestätigt und festigt endgültig den langsam sich einschleichenden Eindruck einer gewissen Nähe zur „repetitiven Musik“. Wir aber suchen, inzwischen sind mehr als neun Minuten vergangen, immer noch nach der „Materie“.

Zum Solisten-Ensemble im Graben, das inzwischen einen Text in Alt-Holländisch – „Volght nu hoe men de Scheep-deelen t’zamen zet / Es folgt nun, wie man die Schiffs-Teile zusammensetzt“ – vorträgt, kontrapunktiert auf der Bühne ein Tenor die atomistische Philosophie eines in Vergessenheit geratenen Antiperipatetikers namens David Gorlaeus, der 1610 in den Atomen die Grenzen der Teilbarkeit der Materie sah. Nun ist „De Materie“ also endlich da, als Philosophem zunächst, und alsbald ahnen wir, daß fürderhin der alte scholastische Dualismus von Materie und Form, Potenz und Akt, Substanz und Akzidenz uns beschäftigen wird: das Musiktheater in Form einer Disputation oder quaestio und distinctio als Elemente der Neuen Oper.