Von Ulrich Schmidt

Wir – das sind eine Frau, ein Mann und ein Hund – leben in einem sogenannten strukturschwachen Raum an der Westküste Schleswig-Holsteins; genauer gesagt auf einer nordfriesischen Insel. Strukturschwacher Raum – das bedeutet wenige, oft schlecht bezahlte Arbeitsplätze, ein begrenztes Angebot dessen, was als Infrastruktureinrichtungen bezeichnet – wird, weite Wege und obendrein ein schlechtes Angebot an öffentlichen Verkehrsmitteln für eben diese weiten Wege zu Einrichtungen, die für den Städter häufig gerade mal „um die Ecke“ gelegen sind.

Dafür gibt es aber auch einige Vorteile, wie die Ruhe, die noch verhältnismäßig reine Luft und ein weniger hektisches Alltagsleben als in den Zentren der zivilisatorischen Entwicklung. Das heißt, wir leben gerne hier. Schließlich begünstigt uns das Glück in mehrfacher Hinsicht: Beide haben wir einen Arbeitsplatz, der so günstig liegt, daß wir ihn mit dem Fahrrad erreichen können. Auch für Einkäufe und andere Alltagswege nehmen wir das Rad. Alles in allem sehen wir uns in einer sehr bevorzugten Lage für einen strukturschwachen Raum.

Ja, und doch – im Widerspruch zu allen ökologischen Einsichten – sind wir Besitzer eines Automobiles, dem Umweltfeind Nummer eins. Das ist Alexander!

Allein die Tatsache, daß es einen Namen trägt, verdeutlicht, daß es sich bei Alexander um ein altes Auto handelt, ein ziemlich altes sogar.

Irgendwann in den fünfziger Jahren rollte Alexander aus dem Werkstor einer süddeutschen Autoschmiede. Zur damaligen Zeit war das Ziel der Autobauer noch, ein möglichst langlebiges Erzeugnis auf die Räder zu stellen. In der Betriebsanleitung finden sich häufig Worte wie „Sparsamkeit“, „behutsame Fahrweise“ bis hin zu der Empfehlung, die Reifen spätestens dann zu erneuern beziehungsweise rundzuerneuern, wenn keine Profilrillen mehr erkennbar seien. Entsprechend dem Gebot der Sparsamkeit, begnügt sich Alexander denn auch seit 36 Jahren mit sieben bis acht Litern Dieselkraftstoff für hundert Kilometer.

Alexander ist also ein Dieselauto und natürlich kein schadstoffarmes nach den heutigen regierungsamtlichen Maßstäben. Diese Tatsache sowie die sichtbar schwarze Wolke, die Alexander jedesmal ausstößt, wenn er sein eisernes Herz in Schwung bringt, reichen aus, uns seine Dienste so selten wie eben möglich in Anspruch nehmen zu lassen. In der Regel geht es um größere Transporte, das Ziehen eines Anhängers mit Brennholz etwa oder einen Ausflug zum Festland. Dann ist Alexander uns eine große Hilfe, wegen der schlechten Busverbindungen. Außerdem schont er unsere Nerven. Wer einmal mit Gepäck und einem Hund in einen vollen Zug eingestiegen ist, wird das verstehen.