Vor zwei Wochen berichteten wir über die Grünen in Großbritannien. Diesmal: Frankreichs "Ecolos"

Den eigenen Erfolg interpretieren Frankreichs Grüne auf durchaus verschiedene Art. Der Normanne François Berthout, grün aus Frust über die Linke, erklärt ihn mit der Not der Bauern – ihrer Angst vor dem eigenen Untergang, ihrem Zorn über das Brüsseler Agrarsystem. Eine ganz andere Version bietet die Elsässerin Solange Fernex, die schon vor Jahrzehnten das Elend der Dritten Welt selbst kennenlernte und den Regierenden eine Friedenspolitik nie zutraute: Den Erfolg begründet sie als ebenso notwendigen wie überfälligen Bewußtseinswandel.

Unschwer lassen sich andere grüne Gegensatzpaare zusammenstellen: der elsässische Biologe Antoine Waechter einerseits, der bretonische Informatiker Yves Cochet andererseits. Einen Fundamentalisten nennen die Medien Waechter, weil er kompromißlos und erfolgreich die Grünen seit 1984 aus dem Schatten der Sozialisten herausführte. Spröde wirkt der Elsässer bei aller Eloquenz, wie Fernex geprägt von einer protestantischen Ethik, die in Frankreich sofort auffällt. Aus seiner Liebe zur Natur machte der Präsidentschaftskandidat des vergangenen Jahres (er gewann überraschend fast vier Prozent der Stimmen) und Fachmann für Murmeltier und Marder nie einen Hehl. Ganz anders Cochet, Anwalt einer Allianz mit der Linken bis heute und damit ewiger, erfolgloser Gegenspieler Waechters. "Wenn ich mich den Grünen anschloß, dann bestimmt nicht aus romantischen Naturgefühlen, sondern weil sie eine Chance zur Veränderung bieten, die es in den großen Parteiapparaten nicht mehr gibt."

Die Wahlforscher und Leitartikler im Pariser Milieu tun sich schwer, den Erfolg der Werts draußen in Frankreich zu erklären. Bei den Gemeindewahlen im März gewannen sie und ihre Freunde rund 1400 Sitze in den Ratssälen – doppelt so viele wie die besser organisierte rechtsextreme Front national des Jean-Marie Le Pen, der andere Debütant auf der Parteienszene. Für die Europawahl trauen ihnen die Meinungsforscher über zehn Prozent Stimmanteil zu, beinahe so viel wie der prominenten Liberalen Simone Veil. Selbst Waechter hoffte nach dem Triumph bei den Gemeindewahlen bescheiden nur auf sieben Prozent.

"Nur einen der periodisch wiederkehrenden Ausbrüche schlechter Wählerlaune" vermutet Meinungsforscher Jerôme Jaffré hinter diesem Überraschungserfolg und gibt ihm wenig Chancen auf Dauer. "Anzeichen der Verwirrung" glaubt der Soziologe Emmanuel Todd festzustellen. Das grüne Frühlingserwachen unterscheidet sich für ihn wenig von der zunehmenden Wahlunlust oder den Sympathien für die Rechtsextremen: Der Wähler habe die Orientierung verloren. Der Politologe Olivier Duhamel korrigiert Todd: "Viele Gemeinden erlebten einen beträchtlichen Stimmanteil der Front national, ohne daß dort gleich grün gewählt worden wäre; in anderen legten die ecolos (Ökologen) zu, nicht aber Le Pens Anhänger; und in Ostfrankreich, in Straßburg, Mulhouse oder Besançon, hielten sich die Protestwähler beider Parteien die Waage."

Treibt die Wähler Waechters und Le Pens und die vielen Nichtwähler – alle drei Gruppen zusammen machen immerhin fast vierzig Prozent aus – nur die Enttäuschung über die großen Parteien um, deren ideologisches Profil gestern noch so scharf war und das sich in jüngster Zeit rapide abgeschliffen hat? Schleudert wirklich nur der urbane Faktor" (so die Zeitung Libération), der städtische Alltag mit Umweltverschmutzung und Verkehrschaos, Verbrechen und Ausländerangst, diese Wähler an den rechten oder linken Rand der Parteienszene?

In einer Antwort gleichen sich alle Analysen: Grün wählt, wer ein Umweltproblem vor seiner Haustür hat, egal ob in der Stadt oder auf dem Land. Der normannische Bauer angesichts der Grundwasserverschmutzung; der Bretone in Saint Brieuc, dessen malerische Bucht vom Meer her verdreckt und aus dessen Wasserhähnen niemand mehr trinken mag; die Einwohner von Istres bei Marseille, die in einem Referendum zu 98 (!) Prozent gegen die Lagerung von 280 000 Tonnen Uranoxid rebellierten; die Straßburger, die ihren alten Bürgermeister abwählten, der eine fertig geplante U-Bahn bauen lassen wollte, und die junge Grüne Andree Buchmann in den Stadtrat wählten, die für die gute alte Straßenbahn plädiert; oder die Bewohner von Le Puy in der Auvergne, die ihre konservative Hochburg wegen eines Staudamm-Projektes schleiften.