ARD, Dienstag, 13. Juni, 23.10 Uhr: „Schauplatz der Geschichte: Chicago“

Die Hände des Architekten: wie er den Mittel- und Ringfinger abspreizt und mit zuckenden Handgelenken seine Projekte umreißt – was für ein Mensch, was für Häuser, was für eine Stadt mag das sein? Wir sind im Büro von Helmut Jahn, der amerikanischen Großstädten mit seinen Wolkenkratzern ein neues Gesicht gibt. Fassaden wie Vakuumverpackungen, hauteng und undurchlässig, Häuser wie Weltraumlaboratorien, riesig, gleißend, unnahbar.

In Chicago standen die ersten amerikanischen Wolkenkratzer. Nach dem Großbrand von 1871 wurde die Stadt im Stahlskelettbau hochgezogen. Die „Schule von Chicago“ ist in die Architekturgeschichte eingegangen; eine zweite Chicagoer Schule begründete Mies van der Rohe in den vierziger Jahren. Von Helmut Jahn heißt es im Film, daß er weniger darauf aus sei, Schule, als darauf, Geschäfte zu machen. Ist das anrüchig? Für Chicagoer Verhältnisse gewiß nicht.

Die größte Handels- und Industriestadt des Mittelwestens ist von Geschäftsleuten gegründet und aufgebaut worden, und sie wird von ihnen beherrscht. Das Business hat einen ähnlich hohen Grad an Natürlichkeit erreicht, wie Al Capones bäurisch gelassener Griff nach dem Revolver ihn hatte. Hier kreuzen sich die großen Eisenbahn- und Binnenschiffahrtswege, hier gibt es die großen Getreide- und Fleischkontore, hier wird verarbeitet und verkauft, was draußen auf den Farmen wächst.

An der board of trade wird seit 1848 der Weltmarktpreis für Getreide bestimmt. Kapitalismus pur, das Natürlichste von der Welt: Jeder geht seinem Geschäft nach – das ist schon die menschenmögliche Redlichkeit. Und wer nicht zum Zug gekommen ist, lebt in den Sozialwohnungen am Stadtrand, wo die Gangs sich aufs Messer bekämpfen und reihenweise Fenster herausbrechen, um sie als Schrott zu verkaufen.

„Menschliche Natur“ tobt sich aus, und dennoch wirken die Chicagoer, die wir im Film ausführlich kennenlernen, merkwürdig fremd. Christian Bauer ist dieser Fremdheit auf der Spur, er sieht mit seiner Kamera länger und genauer hin als in Kulturfilmen gemeinhin üblich. Die Börse mag ein Sonderfall sein: Wie sie da dichtgedrängt stehen, sich gegenseitig niederbrüllen und die Finger recken, jeder höher als der Nebenmann. Aber sie ist zugleich exemplarisch für das ungebremste Ich-oder-Du, das auch außerhalb der Börse die Stadt am Leben hält.

Ein Schwarzer, der es trotz aller Widerstände zum businessman gebracht hat, erzählt, wie ihn schon als Kind die blauen und grünen Augen der Weißen erschreckt haben. Wie er die Weißen hassen lernte und nur deshalb erfolgreich war, weil er sie ein Leben lang bekämpft hat. Aber nicht nur in seinem, auch in den Gesichtern der rebellierenden Obdachlosen, des jungen Bauarbeiters, des in Hamburg gebürtigen Börsenchefs: immer wieder diese müde Seelenlosigkeit. Ganz so natürlich scheint es in Chicago doch nicht zuzugehen. Untote, Außerirdische, ein häufiges Motiv amerikanischer Gruselfilme – mit Bauers Chicago-Portrait wird deutlich, was diese Filme meinen.

Eines von Helmut Jahns spektakulären Gebäuden wird von den Chicagoern selbst „das gelandete Raumschiff“ genannt. Wenn man sie reden hört und sieht, kann man sich durchaus vorstellen, die Stadt sei längst in den Händen außergalaktischer Wesen. Martin Ahrends