Ein erstaunlicher Schau- und Denk-Spiel-Abend in Reims: Denis Guenouns Theaterstück „La Levee“ über Goethe, Napoleon und die Frauen der deutschen Frühromantik

Hier ist viel Blut geflossen. Hier haben Deutsche und Franzosen mit Hellebarden, Bajonetten, Gasgranaten versucht, einander als „Erbfeind“ zu vernichten. Hier, in den im Dunst verfließenden Äckern und Rebenhügeln der Champagne, hat Goethe 1792 mit dem Heer der Fürsten beim Feldzug gegen die junge, revolutionäre Armee Frankreichs kampiert. Hier, auf den Kalkstein- und Kreide-Feldern, wo die Straf-Expedition der alten europäischen Welt gegen das republikanische Frankreich mit der Kanonade von Valmy kläglich endete, hat der deutsche Dichtersmann die naß verfrorenen Militärs „erheitert und erquickt“ mit seinem berühmten „kurzen Spruch“: „Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabeigewesen.“

Hier in Reims ließ sich am Weihnachtstag 496 der Frankenkönig Chlodwig nach seinem Sieg über die Alemannen vom heiligen Remigius taufen. Hierher, mitten durch die Linien der englischen Besatzer, hat Johanna von Orleans den schwächlichen Prinzen geführt, auf daß er, am 17. Juli 1429, zum König, Karl VII., gekrönt werde. Hier wurden vier Jahrhunderte lang die Herrscher Frankreichs in den violetten Königsmantel gehüllt und mit Ring, Zepter, Schwurhand und Schwert bekleidet.

Hier haben sich die Generale des kaiserlichen Deutschland etwas darauf zugute gehalten, ein Meisterwerk der europäischen Hochgotik, die Kathedrale Notre-Dame mit ihren 2300 Außen-Statuen, ebenso wie die Stadt Reims fast vier Jahre lang mit ihrer Artillerie zusammenzukartätschen: Von 14 000 Häusern waren nach der „Marne-Schlacht“ mehr als 8000 zerstört. Hier, im Backsteinbau des Technischen Gymnasiums hinter dem Bahnhof, hat am 7. Mai 1945 General Jodl die Kapitulation von Hitlers Wehrmacht mit seiner Unterschrift besiegelt. Hier haben am 8. Juli 1962 de Gaulle und Adenauer mit einem Bruderkuß nach dem Hochamt den jahrhundertelangen Streit beider Länder um die Vorherrschaft auf dem Kontinent begraben.

Hier, wo jahrhundertelang Geschichte gemacht wurde, findet in diesen Tagen eines der erstaunlichsten Spektakel statt, mit denen Frankreich zur Zeit die zweihundertste Wiederkehr des Sturms auf die Bastille feiert: „La Levee“, der Aufstand, das Aufgehen der geistigen Saat – so nennt der 1946 im algerischen Oran geborene Schriftsteller und Regisseur Denis Guenoun sein neues Stück, das er jetzt in dem von ihm geleiteten Centre Dramatique National de Reims uraufgeführt hat.

Die um 19 Uhr beginnende Vorstellung in sämtlichen Räumen des Kulturhauses Espace André Malraux, die mit zwei Pausen bis ein Uhr früh dauert, ist eine einzige Liebeserklärung an die Aufbruchs-Philosophie der deutschen Frühromantik. Wie schon in seinem letzten Stück, „Un conte d’Hoffmann“ (1987), wendet sich Guenoun, der mit deutscher Philosophie und Geistesgeschichte vertraut ist, jener Zeit zu, in der junge, aufsässige Denker und Dichter die vom alten Goethe repräsentierte Epoche klassizistischer Erstarrung mit ihren genialischen Ideen attackierten.

So enthält das Personenverzeichnis des Stückes, für dessen Uraufführung als Beitrag zum Nationalfest „Bicentenaire de la Revolution Française“ der Präsident der Republik, François Mitterrand, die Schirmherrschaft übernommen hat, überraschend genug, als prominente Gestalt Frankreichs nur Napoleon, während sich der Programmzettel sonst wie ein Adelskalender der deutschen Literatur- und Geistes-Geschichte liest. Es treten auf: Friedrich und August Wilhelm Schlegel, Novalis, Schelling, Georg Forster, Goethe und sein Faust, samt Mephisto, der hier Josef Stalin heißt.