Von Marie-Luise Hauch-Fleck

Der billige Pappmache-Eingang zur Halle 3 auf dem Münchner Bavaria-Filmgelände ist für Michael und Katinka die Pforte zum ersehnten Konsum-Paradies. Inständig hoffen sie, als Kandidat beim RTL-Glücksspiel Der Preis ist heiß mitraten zu dürfen und vielleicht sogar den Superpreis zu gewinnen.

Beide sind arbeitslos und extra zur Aufzeichnung der Sendung von Köln angereist. Daß sie eine der 240 Zuschauerkarten ergattert haben, gibt ihnen Mut. Sechzig Mark Spritkosten sind ihnen als Einsatz für das Prinzip Hoffnung nicht zuviel. Eines allerdings macht Katinka Sorgen. Bei Preisen für Neuwagen kennt sie sich nicht aus. „In unserer Situation langt es nur für Gebrauchtwagen.“ Und leise fügt sie hinzu: „Zu sehr hoffen darf man nicht, sonst ist man, wenn es doch nicht klappt, zu sehr enttäuscht.“

Annelie und Karl, ein älteres Ehepaar, sind aus Nürnberg gekommen. Wie denn die Kandidaten ausgewählt werden, möchte Karl von einer der RTL-Zuschauerbetreuerinnen wissen. Daß nicht gelost wird, verstimmt ihn sichtlich. Schließlich hat er fest mit seinem Losglück gerechnet. Was er mit dem Hauptgewinn machen will, steht für den Nürnberger längst fest: „Das Auto verkaufe ich sofort, was soll ich mit zweien. Ist doch so, Annelie, nicht wahr?“ Die Gattin nickt ergeben. Was Karl nicht ahnt: Sein Schnäuzer beraubt ihn von vornherein jeder Chance, überhaupt irgend etwas zu gewinnen, – egal, wie gut er die Preise von Videorecordern, Hollywoodschaukeln, Dirndlkleidern, Maggiwürfeln, Gummibärchen und Autos auch kennt. Den richtigen Preis von bunt zusammengewürfelten Produkten, einzeln oder im Paket, möglichst genau zu erraten, ist die einzige intellektuelle Leistung, die von den Kandidaten gefordert wird. Wer am genauesten tippt, dem gehören die Gewinne.

Zwar beteuert Marion Beck, die Produzentin der Spielshow, es gebe für die Kandidaten-Kür aus den Zuschauerreihen keine festen Kriterien. Eines allerdings hat sie sich zur Regel gemacht. „Nimm nie jemanden mit Bart.“ Sympathisch nämlich sollen die Auserwählten wirken und ehrlich, kurz, wie jemand, dem man ein Auto gönnt. Männer mit Bart aber, so weiß sie aus eigener Erfahrung und von ihrem amerikanischen Mentor, erzeugen beim Zuschauer Mißtrauen und Antipathie.

Das aber gilt es auf jeden Fall zu verhindern. Denn schließlich soll die Sendung ein optimales Umfeld für Werbung sein. Spielshows wie Der Preis ist heiß sind Kommerz-Fernsehen pur, Moderatoren, Assistentinnen und Kandidaten nur Dekoration für die eigentlichen Stars: Konsumartikel en masse vom Gabentisch der Leistungsgesellschaft.

Dem Fernsehpublikum ist das offenbar nur recht. Seit dem Startschuß am 2. Mai wächst die Fan-Gemeinde der halbstündigen RTL-Show, die von Montag bis Freitag täglich gesendet wird, unaufhörlich. Die Rekordmarke liegt bereits bei einer Million Zuschauer. Sie versammeln sich vor dem Bildschirm, um zu sehen, wie andere Leute Preise gewinnen, von denen sie träumen. Ermutigt von dem Erfolg, wollen die Kölner Programmacher die Sendung von September an von 17.15 Uhr auf 19.15 Uhr verlegen, um noch mehr Zuschauer und auch mehr Werbekunden zu locken.