Von Achmad Taheri

Der Imam ist tot! Es lebe der Imam!“ Kaum hatte der Geist des greisen Imam die irdische Hülle verlassen, da huldigte die sogenannte Expertenversammlung, der Verfassunggebende Rat der Islamischen Republik, mit Zweidrittelmehrheit dem neuen Führer: Hodjatul-e-Islam Said Ali Chamenei. Die Machthaber fürchteten anscheinend, das Vakuum an der Spitze könne die klerikalen Richtungskämpfe verschärfen, zu allgemeiner Anarchie führen und innere und äußere Feinde dazu bewegen, den verwaisten Gottesstaat in Schwierigkeiten zu bringen.

Die Wahl von Chamenei, der in seinem Präsidentenpalast jahrelang ein politisches Schattendasein führte, sorgte im ersten Moment für Überraschung. Doch angesichts des klerikalen Zanks und Zwistes zwischen den sogenannten Radikalen um Achmad Chomeini, Sohn des Ajatollah, und den Pragmatikern, geführt von Parlamentspräsident Rafsandschani, erweist sich die Wahl als die bestmögliche Lösung.

Chamenei war acht Jahre lang Staatspräsident und in dieser Funktion zumindest formal nach Chomeini der zweite Mann in der iranischen Hierarchie. Seine bisherige Position verleiht ihm nun eine gewisse Legitimation, die Spitze zu erklimmen. Hinzu kommen die persönlichen Eigenschaften des Auserwählten: Er ist kein Machtmensch wie Rafsandschani und kann damit den Mächtigen im Staate nicht zu mächtig werden. Chamenei gehört zu keiner der rivalisierenden Richtungen, und damit ist er keinem Feind oder Rivale. Zugleich entbehrt er nicht einer gewissen Würde für das hohe Amt. Der 49jährige Geistliche gilt bei den Gläubigen als ein Revolutionär der ersten Stunde, als ein treuer Parteigänger des Ajatollah Chomeini und schließlich als ein Politiker mit gutem Ruf und weißer Weste oder „unbeflecktem Rocksaum“, wie man im Persischen sagt.

Dem „Leisetreter mit aufrechtem Gang“, wie ein iranischer Journalist den ehemaligen Präsidenten bezeichnete, ist die Rolle eines Kompromiß- oder Übergangskandidaten geradezu auf den Leib geschrieben. Ob er sich längerfristig in der exponierten Stellung behaupten kann, ist zweifelhaft, Doch einstweilen wird er zusammen mit Ali Akbar Rafsandschani, der im August zum dann mit aller exekutiven Macht ausgestatteten Staatspräsidenten gewählt wird, das Führungspaar in Teheran bilden.

Rafsandschani als Inhaber politischer Macht, Chamenei als Symbol der islamischen Revolution: Den bisherigen Parlamentspräsidenten verbindet eine lange persönliche Geschichte mit dem Gottesmann aus der Stadt Meshad im Nordosten Irans. Beide saßen zu Beginn der sechziger Jahre im Feiyzia, der Hochburg der schiitischen Gelehrsamkeit in Qom, Ajatollah Chomeini zu Füßen. Sie lauschten dessen Ausführungen über die islamische Ethik, das Lieblingsfach des verstorbenen Schriftgelehrten. Sie waren auch zusammen politische Parteigänger Chomeinis und spielten 1963, als er zum Widerstand gegen die „Weiße Revolution“ des Schahs aufrief, eine aktive Rolle, die sie einige Jahre Kerker kostete.

Nach dem Sieg der Revolution wurden beide Mitglieder des Revolutionsrates und gründeten bald zusammen mit dem inzwischen gewaltsam zu Tode gekommenen Ajatollah Beheschti die Islamisch-Republikanische Partei (IRP). Diese drei, die Spötter „die böse Dreifaltigkeit“ nannten, führten praktisch die Geschicke des Landes.