Das Klima blieb kühl. Nicht nur der eisigen Polarluft und der Regengüsse wegen, die den Papst auf seiner zehntägigen Skandinavienreise begleiteten. Auch der respektlose Vergleich, den eine norwegische Zeitung zog – daß es in Tromsø seit einem Großbrand vor zwanzig Jahren dort kein solches Lokalereignis gab –, war nicht wörtlich zu nehmen. Wärme kam nur auf, wo insulare Gemeinden der 200 000 Katholiken (unter 23 Millionen Skandinaviern) oder Gruppen polnischer Landsleute ihrem Papst zujubelten. Hitziges hingegen spürte man wie unter erloschenen Vulkanen schwelen, wo immer Johannes Paul II. von den Lutheranern ins ökumenische Gebet genommen wurde – in jedem Sinne.

Der Herausforderung durch einen Protestantismus, der – wenigstens dem Taufschein nach – die skandinavischen Wohlstandsgesellschaften prägt, begegnet der römische Pontifex mit freundlich-ausweichender Vorsicht. Gibt es nicht ein gemeinsames Interesse, der fortschreitenden Säkularisierung zu widerstehen? Immer wieder versuchte er, vorbei an heiklen doktrinären Unterschiedep, daran anzuknüpfen.

Aber warum dann nicht auch durch konkrete Schritte, etwa zur Abendmahlsgemeinschaft, aufeinander zugehen? Unverblümt verlangte dies in Oslo der lutherische Bischof Aarflot, der sich nicht scheute, den für das Papsttum peinlichen "Fall Galilei" ins Positive zu wenden: So wie sich die Erde eben "doch bewegt", so endlich auch die römische Kirche, die sich aber nicht ewig nur um die eigene Achse drehen dürfe. "Wir erwarten den Tag, an dem Eure Heiligkeit klar und unzweideutig die Anerkennung des kirchlichen Charakters der lutherischen und der anderen protestantischen Kirchen ausspricht."

Eben damit jedoch tut sich der Papst so schwer wie eh und je. Ungeduld verbiete sich, sagte er in Island. "Wer bin ich? Durch die Taufe Bruder in Christus", so stellte er sich bescheiden in Finnland vor – und pochte dann doch auf sein Petrusamt.

Es gelte, alte Feindbilder abzubauen, rief er in Dänemark und machte sich selbstkritische Worte Papst Adrians VI. von 1523 zu eigen – ohne freilich wie dieser von der Schuld "auch dieses Heiligen Stuhls" zu sprechen. Dann sprach der lutherische Bischof Bertelsen aus, was in der Luft lag: Schöne Worte und Kirchenführerlächeln brauche man jetzt "überhaupt nicht"; noch immer sei ja die Verurteilung der evangelischen Lehre durch Rom nicht zurückgenommen.

Der Papst’ gab nun "erhebliche Hindernisse" zu und bedauerte, daß die Wunden, die durch den Bannstrahl gegen Luther geschlagen wurden, auch heute nicht geheilt sind. Der naheliegenden Konsequenz entzog er sich jedoch mit einer kirchenjuristischen Begründung, die in den Ohren seiner Zuhörer wie billiger, wenn nicht fataler Trost klingen mußte: "Nach dem Verständnis der römisch-katholischen Kirche hört jede Exkommunikation mit dem Tode eines Menschen auf, da diese als eine Maßnahme gegenüber einer Person zu ihren Lebzeiten anzusehen ist." Demnach wäre nur ein toter Luther kein ketzerischer Luther mehr, und die Perspektive christlicher Gemeinsamkeit läge im Jenseits, weil ja ohnehin – wie der Papst in Oslo einräumte – Protestanten wie Katholiken "in ihre ewige Heimat reisen". Da stand dann Bischof Bertelsen vor dem Gast aus Rom und konnte nicht anders: "Die Institution garantiert nichts ... Das System der kirchlichen Ämter kann keine Gewißheit vermitteln."

Ganz undoktrinär, praktischökumenisch redete nur der isländische Regierungschef Hermannsson, als er bei der Begrüßung des Papstes den letzten katholischen Bischof der Insel vor der Reformation als einen Nationalhelden pries: Dieser Oberhirte sei 1550 mit seinen zwei Söhnen (!) hingerichtet worden, weil er Islands Unabhängigkeit gegen die lutherischen Dänen verteidigte. Dazu Hermannsson: "Wir sind zwar meistens Lutheraner, aber wir ziehen Taten den Worten vor..." Hansjakob Stehle