Von Ludwig Siegele

Man vergißt", sagt Loïc LeGuen, der im kleinen Hafen von Omonville-la-Rouge seine Fangkörbe flickt. "Man muß vergessen", verbessert sich der vierzigjährige Fischer dann, und seine Stimme wird immer leiser, "denn sonst wird man verrückt. Wenn ich daran denke, was alles passieren kann..." Am liebsten würde er sie abreißen, "die Fabrik da oben".

Die Fabrik da oben – das ist die Wiederaufarbeitungsanlage auf der Halbinsel La Hague, das Mekka der Nukleargemeinde, keine vier Kilometer Luftlinie von Omonville-la-Rouge entfernt. So wie Loïc LeGuen denken freilich nicht viele im westlichen Zipfel der Normandie: Sie haben mehr Angst vor der Arbeitslosigkeit als vor dem Atom.

"Wenn ich genug habe, dann parke ich den Wagen da oben und drehe Wagner voll auf", sagt JeanPierre Rihouey, Chef des Fremdenverkehrsamtes in der Provinzhauptstadt Cherbourg. Die Felsklippen der Halbinsel seien ideal für einen solchen Musikgenuß: ein aufgewühltes Meer und heftige Stürme. "Nicht umsonst war das im vorigen Jahrhundert eine Piratenküste."

Heute machen diese Eigenschaften die fünf mal sieben Kilometer große Halbinsel zum idealen Standort für eine Atomfabrik: Die starke Strömung spült die radioaktiven Abwässer schnell von der Küste weg. Und die Winde verteilen die ebenfalls strahlenden Gase aus den Schornsteinen in alle Himmelsrichtungen.

Manchmal, wenn der Wind einmal nicht so stark bläst, hört man den gleichmäßigen Ton der Kühlanlagen der Fabrik auch noch Kilometer davon entfernt. Denn die usine atomique ist gigantisch – eine riesige neuzeitliche Festung: Auf dem langgezogenen, mit Natodraht und Elektrozäunen gesicherten Gelände hätte locker die Pariser Innenstadt Platz.

Wie ein Geschwür breitet sich die Anlage in der hügeligen Landschaft aus. Da reiht sich Betonklotz an Betonklotz, ragen Kräne und Schornsteine heraus, stehen ganze Batterien von Speichersilos. Am südlichen Rand des Geländes liegen Pyramiden aus Betonrohren – für Stahlfässer, vollgepreßt mit schwach radioaktiven Abfällen.