Von Dagmar Brocksin

Das Mahnmahl auf dem menschenleeren Platz von Gentioux zeigt weder den üblichen gallischen Gockel noch den kühnen Krieger. Statt dessen einen Bauernjungen in Holzpantinen, der mit dem Zeigefinger auf die lange Gefallenenliste in verblaßter Goldschrift weist. „Verflucht sei der Krieg!“ steht darunter als aufmüpfige Inschrift eingraviert – das Denkmal wurde zur Strafe niemals offiziell eingeweiht.

Die lange Liste der Toten steht für einen der traurigen Rekorde, die dieses Departement im Herzen Frankreichs westlich des Zentralmassivs auszeichnet: Die Creuse beklagte die meisten Gefallenen im Ersten Weltkrieges und die dritthöchste Quote derer, die 1871 auf den Barrikaden der Pariser Kommune fielen. Heute ist sie das ärmste aller Departements, mit den wenigsten Schulen, Krankenhäusern und noch funktionierenden Bahnlinien, mit den meisten alten Leuten und den meisten arbeitslosen Jugendlichen. Und das am wenigsten besiedelte Departement, mit fast einem Prozent Abwanderung pro Jahr. Doch man könnte auch ganz andere Rekorde nennen: Die Creuse ist das Departement mit der reinsten Luft, dem größten Vogelreichtum – und den wenigsten Anhängern des rechtsradikalen Le Pen.

Alles scheint fern hier. Nicht nur Paris. Sogar Limoges, „die große Stadt da hinten“; obwohl die sechzig Kilometer westlich gelegene Provinzhauptstadt der Haute Vienne selbst schon als tiefste Provinz gilt und der Limoger im Pariser Boulevardtheater als Hinterwäldler par excellence die komische Rolle spielt. Im Wörterbuch wird das Verb limoger übersetzt mit: „kaltstellen, in die Wüste schicken, strafversetzen“. Da bleibt für Gueret, die Hauptstadt der Creuse – und ihre einzige Stadt mit über 10 000 Einwohnern –, gar kein Wort mehr.

Von Limoges kommend, sieht man um St. Leonard die Schafweiden spärlicher werden, auch die Herden der braunen Rinder verlieren sich. Ackerland gibt es sowieso kaum in diesem kargen Vorland des Zentralmassivs. Nachdem wir hinter dem Dörfchen Nedde und einem gelben Meilenstein die Grenze zur Creuse überschritten haben, wird die Landschaft wild und verlassen. Die holprige Straße schlängelt sich und steigt gemächlich an. Wir müssen durch Nebelschwaden hindurch.

Doch ein paar Kilometer weiter bricht die Sonne durch, wirft Lichtblitze durch Tannenwälder und Glitzersterne in das Wasser im Walddunkel: Bächlein, die über runde, bemooste Felsen sprudeln, begleiten unseren Weg. Eine Märchenlandschaft, die sich zu einsamer Hochlandheide öffnet, über der Bussarde kreisen. Kein Auto, keine Ortschaften; dann hin und wieder ein lieuda, zu klein sogar, um als Dorf zu gelten.

Kein Mensch zeigt sich dort, kein Hund, keine Katze. Ein Uraltauto steht unter einem schiefgerutschten Dach aus platten grauen Schieferziegeln. Die Fensterläden sind geschlossen, um zu melden: „Hier wohnt keine Menschenseele mehr.“ Hier zersiedeln nicht einmal stillose Billig-Neubauten die Landschaft. Diese Orte wachsen nicht. Sie schrumpfen und sterben.