"Madame Sousatzka" von John Schlesinger

Eine einfache Geschichte, klar und genau, ohne jeden Schnickschnack erzählt. Die Kamera bleibt stets in Augenhöhe. Die Bewegung in den Bildern und die Schnitte zwischen den Bildern werden kaum spürbar. John Schlesinger filmt, als ereignete die Geschichte sich von selbst.

Die kauzige, eigenbrötlerische Madame Sousatzka (Shirley MacLaine), eine begehrte Klavierlehrerin, wagt einen seltenen Schritt: Sie nimm einen neuen Schüler an. Was für sie bedeutet: ihr Leben neu einzustellen; eine Konsequenz, die sie auch von ihrem Schüler erwartet. Sie lehrt nämlich – jenseits von Technik – das Wesentliche: die hohe Kunst der erhabenen Haltung.

Die alte Lehrerin und ihr junger Schüler: kein weiteres Pygmalion/Galatea-Abenteuer, eher eine Geschichte von Abhängigkeit und daß sie überwunden werden muß. Die Details des alltäglichen Miteinander bilden dabei den Stoff für Abenteuer und melodramatische Konflikte. In der ausschließlichen Fürsorge steckt ja immer auch etwas Unbarmherziges, im Drang nach Perfektion auch Verdrängtes. So weitet sich das Winzige schnell ins Übermäßige: die kleinen Mißverständnisse zu Katastrophen, die Kontroversen zu erbitterten Kriegen. Schlesinger widmet sich den Nuancen, ganz und gar. Seine Kamera mischt sich jedoch nicht ein, sie beobachtet nur. Das fesselt und rührt.

"Zuschauer-Kino, das sich von selbst erzählt." Diesen dummen Satz habe ich vor ein paar Tagen im ZDF gehört. In "Madame Sousatzka" kann man wieder einmal sehen, wieviel Arbeit und Sorgfalt das kostet, diese altmodische Klarheit, diesen schönen Schein zu erreichen: als ereignete die Geschichte sich von selbst. Norbert Grob

"Milch und Schokolade" von Coline Serreau

Ein Schwarzweißfilm in Farben. Vom weißen Fabrikdirektor und der schwarzen Putzfrau wird erzählt, und von ihrer märchenhaften Beziehung, die erst von Indifferenz und dann von Überschwang geprägt ist. Das schafft eine Dynamik, die man in dieser Geschichte viel eher an anderer Stelle erwartet hätte. Während man sich noch wundert, wie unentschlossen Coline Serreau mit dem ungleichen Paar umgeht, hat sie ihre Strategie schon wieder geändert. Erst steht die Putzfrau (Firmine Richard) dem Fabrikdirektor (Daniel Auteuil) bei einer in der Firma gegen ihn angezettelten Intrige zur Seite, und dann ist er einfach im Ausland, als sie ihn brauchen könnte. So verläßt der Film immer wieder die Genrespielregeln, denen er lange Zeit zu folgen scheint.