Von Carl-Christian Kaiser

Bonn, im Juni

Plötzlich liegt ein Hauch von Sorge in der Luft. China? Die Schießereien in Usbekistan? Das Gasunglück und der unruhige Moskauer Deputiertenkongreß? Unversehens gehen mit dem Bonner Besuch des sowjetischen Generalsekretärs und frischgewählten Staatspräsidenten Ereignisse einher, die manches Fragezeichen auftauchen lassen. Nicht, daß Bonn befürchtete, die Visite könnte abgesagt werden. Aber die Protokollbeamten verstehen nun noch besser, warum die Moskauer Vorausdelegation in der vorigen Woche eisern darauf bestand, daß Michail Gorbatschow weder Termine vor zehn Uhr morgens noch lange Abende zugemutet würden. Und je näher das Besuchsdatum heranrückte, desto mehr Zierrat wurde gestrichen. Die Sowjetunion muß auch vom Ausland her regiert werden können, gerade jetzt.

Damit hängt auch zusammen, daß der Staatsgast nicht in dem bei solchen Gelegenheiten üblichen Schlößchen Gymnich vor Bonn, sondern in der funkelnagelneuen sowjetischen Botschaft Quartier nimmt – obwohl deren Gäste- und Repräsentationstrakt noch gar nicht benutzt werden darf. Die subtilen diplomatischen Regeln sehen vor, daß diese Räume von den deutschen Behörden erst dann freigegeben werden, wenn der Neubau der Bonner Botschaft in Moskau entsprechende Fortschritte macht. Dort aber ist man in Verzug. Doch für Gorbatschow gibt es nun eine Ausnahmegenehmigung. Die Technik und Infrastruktur auf eigenem Territorium in Bonn sind ihm wichtig.

Das gilt auch für die kürzeren Wege von der Botschaft hoch über dem Stadtteil Bad Godesberg zu den Treffen mit dem Bundespräsidenten und dem Kanzler oder zum Festdiner in der Godesberger Redoute und den anderen Terminen. Hubschrauber kommen sowieso nicht in Frage; der Gast empfindet gegen sie heftige Abneigung. Die Wagenkolonne, in der er sich statt dessen bewegt, wird zusätzliche Sicherheitsprobleme aufwerfen, auch wenn Gorbatschow auf große Sympathie rechnen kann: Bis Mitte dieser Woche war – ein bemerkenswerter Unterschied zu anderen Besuchen dieses Kalibers – nur eine einzige Demonstration angemeldet. Außerdem werden die Vorkehrungen für diese „sehr gefährdete Person“ mit der Sicherheitsstufe eins dazu fuhren, daß der Bonner Verkehr von Zeit zu Zeit zusammenbricht, zum Beispiel, wenn es zur Fahrt mit dem ICE ins Ruhrgebiet zum Bahnhof geht.

Die Neugierigen, die hinter dem Kordon aus Tausenden von Polizisten, Grenzschützern und anderen Wächtern trotzdem die Wege säumen, werden auch eine gewisse Großmachtdemonstration sehen, genau nach Art der Amerikaner. Michail Gorbatschow bringt nicht nur eine eigene Flotte gewaltiger SIL-Limousinen mit, sondern auch ein Geschwader aus Iljuschin- und Tupolew-Maschinen. Damit wird er samt seinen 200 Begleitern und einem Troß von 100 sowjetischen Journalisten auch nach Stuttgart fliegen. Bundeswehrmaschinen, die sonst innerhalb der Bundesrepublik der Brauch wären, werden verschmäht, genauso wie die Ehreneskorte durch Düsenjäger der Luftwaffe von und bis zur Grenze.

Da wirft die Vergangenheit noch Schatten, bis auf Gräber. Der Bonner Wunsch nach einer Kranzniederlegung am schlichten Behelfsehrenmal für die „Opfer der Kriege und der Gewaltherrschaft“ auf dem Nordfriedhof ist auf ein njet gestoßen. Zu groß war die sowjetische Sorge, daß sich auf dem Gräberfeld vor Kreuz und Gedenktafel unter den nur mit Namen, Geburts- und Todesdatum beschrifteten Steinplättchen auch ein SS-Mann finden könnte. Bitburg hat Folgen. Statt dessen wird Raissa Gorbatschowa auf dem weithin vergessenen Friedhof von Stukenbrock bei Bielefeld einen Kranz niederlegen. Dort liegen 65 000 sowjetische, polnische und französische Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter, umgekommen und verscharrt in einem ehemaligen Stammlager („Stalag“) der Wehrmacht. Das kann eine bewegende Stunde werden.