Von Luigi Vittorio Ferraris

ROM – Überraschung und Besorgnis sind die Reaktionen, die die Wahlergebnisse in der Bundesrepublik vom Frühjahr auch in Italien hervorgerufen haben. Wären die europäischen Freunde und Nachbarn jedoch wachsamere Beobachter, wären sie kaum überrascht worden.

Vierzig Jahre demokratisches Deutschland bedeuten, daß die junge Generation, die schon die Mehrheit der Bevölkerung ausmacht, nicht mehr nur die etablierten Auffassungen vertritt: Für sie ist die Bundesrepublik etwas vollkommen Normales. Diese Normalisierung oder sogar Banalisierung führt zu einer Situation, wie sie anderswo in Europa schon lange existiert. Die Bundesrepublik muß, wie jede andere Gesellschaft auch, Radikale hervorbringen; sie sind ein Ventil für den unausweichlichen Wandel in jeder Gesellschaft. Die radikalen Bewegungen haben das Recht, eine müde Gesellschaft aufzuwecken und sie zu zwingen, mit anderen, oft entgegengesetzten Meinungen zu streiten.

Bonn wird nicht wieder Weimar, wie manche Leute bisweilen behaupten. Auf der anderen Seite wäre es ein Fehler zu glauben, daß das Vorhandensein mehrerer politischer Parteien schon für sich ein Schaden sei. Ein System wie das bisher gültige, in dem zwei Parteien fast die Totalität der Wähler beherrschen und eine dritte, kleinere Partei durch ihre Gewichtsverlagerungen entscheidet, welche der beiden am Ruder bleiben darf, ist auf die Dauer nicht gesund. Es funktioniert nur in Zeiten der Stabilität, nicht des gesellschaftlichen Wandels. Die deutsche Gesellschaft aber hat sich verändert. Die traditionellen Partei-Loyalitäten sind abgeklungen, weil auch die Grenzlinien zwischen Arbeitern und Angestellten, zwischen Arm und Reich sich verschoben haben.

Deshalb sind heute mehr Parteien nötig. Die Auflockerung des bisherigen Drei-Parteien-Staates Bundesrepublik ist letzten Endes eine gute Sache.

Doch bleibt ein großes Fragezeichen. Die deutsche Demokratie hat sich bisher als solide erwiesen; wird sie aber auch die Spannungen überstehen, die sich aus dieser neuen Lage ergeben?

Zwei Gefahren lauern jeweils auf den beiden extremen Flügeln des politischen Spektrums. Der Linken, die in sich den Keim des Neuen trägt, gelingt es nicht, sich von der Vergangenheit zu lösen. Sie setzt auf eine deutsche Funktion in Mitteleuropa und bekennt sich damit zu einem deutschen Sonderweg in dem Sinne, daß die Bundesrepublik einen Kurs einschlagen könnte, der nicht der europäische Weg ist. Der linke Radikalismus ist gefährlich – nicht, weil er linksorientiert ist, sondern weil er Zielen anhängt, die in der Vergangenheit in die rechte Richtung geführt haben.