Wie einst Mao zerstört jetzt auch Deng Xiaoping sein Lebenswerk und Chinas Hoffnung auf eine bessere Zukunft

Von Matthias Naß

Als Tag der Schande wird der 3. Juni 1989 in Chinas Geschichtsbücher eingehen. Gebrandmarkt als Mörder stehen Deng Xiaoping, Li Peng und Yang Shangkun vor dem eigenen Volk da, jenes Triumvirat aus Armeeoberbefehlshaber, Premier und Staatspräsident, das chinesischen Soldaten kaltblütig befahl, auf unbewaffnete chinesische Bürger zu schießen. Mit Empörung wird sich die Welt dieses blutigen Wochenendes erinnern, an dem in Peking der Ruf nach Freiheit und Demokratie unter den Gewehrsalven und Panzerketten der Volksbefreiungsarmee erstarb.

Der Amoklauf der 27; Armee in den Straßen der Hauptstadt ist nur schwer zu fassen. Zwar war sechs Wochen nach Beginn der Studentendemonstrationen und zwei Wochen nach Verhängung des Kriegsrechts über große Teile Pekings damit zu rechnen, daß die chinesische Führung den Protest gewaltsam niederschlüge. Aber warum dieses bestialische Massaker, wo doch auch ein entschlossener Polizeieinsatz genügt hätte, den Tiananmen-Platz zu räumen?

Die Antwort kann nur lauten: Hier haben Männer den Einsatzbefehl gegeben, denen Menschenleben gleichgültig sind, da sie ihre Macht bedroht sehen, denen Wahn und Wut den Blick auf die Wirklichkeit trüben. "Eine Million Menschen kann in China eine kleine Zahl sein", soll Deng Xiaoping gesagt haben, als er das Kommando zum Truppeneinsatz gab. Von Anfang an forderte er ein rücksichtsloses Durchgreifen gegen die protestierenden Studenten. "Wir sind darauf eingerichtet, daß Blut vergossen wird", hatte der Vorsitzende der Zentralen Militärkommission schon Mitte Mai erklärt, als er bei den Armeeführern um Zustimmung für seinen harten Kurs warb.

Nun ist Blut geflossen, viel Blut. Und so sinnlos der Militäreinsatz erscheint, so absurd klingt die Begründung. "Eine extreme Minderheit von Aufrührern hat Menschen, denen die wahre Situation nicht klar ist, zu Gewalttaten aufgehetzt", heißt es in einem Schriftstück des Zentralkomitees der Partei und des Staatsrats. "Das Ziel ihres Aufruhrs ist die Verneinung der Führung der Partei und der sozialistischen Ordnung sowie der Umsturz in der Volksrepublik China." Als "Cliquen von Rowdys", "Abschaum der Viererbande und andere Asoziale", "Kriminelle" verunglimpfte das Zentralkomitee die Demonstranten.

So dumm und dreist dieses Dokument die Tatsachen verdreht, so zynisch preisen die vom Militär kontrollierten Medien den "heldenhaften Kampf" der Soldaten gegen die wehrlosen Pekinger Bürger. Von einem "entscheidenden Schlag gegen die Konterrevolution" schreiben die Parteiblätter, von einem "neuen Ruhmesblatt in der Geschichte der Volksbefreiungsarmee". Doch diese Soldateska, die auf das Volk geschossen hat, ist nicht mehr die Armee des Volkes. Eine stolze Tradition ist von den Salven auf dem Platz des Himmlischen Friedens zerfetzt worden.