Von Rudolf Walter Leonhardt

Wer auszieht, Englands Zukunft in Europa zu betrachten, sieht schwarz, genauer gesagt dunkelgrau und braun. Hinter den Dünen von Folkestone erstreckt sich eine riesige Baustelle, auf der bisher mehr aufgerissen und planiert als gebaut wird.

In vier Jahren soll das alles ganz anders aussehen. Rasende Züge mit fröhlichen Menschen und wertvollen Gütern sollen dann aus den Tiefen des Ärmelkanals auftauchen oder in dieselben verschwinden, so, wie es auf einem Spielzeugeisenbahn-Modell schon zu sehen ist oder doch zu sehen sein sollte.

Bisher funktionieren die Public Relations, für die man am Rande von Folkestone ein eigenes „Ausstellungszentrum“ errichtet hat, noch am besten, wenn auch nicht wirklich gut. Die Modelleisenbahn rührte sich, als ich sie bewundern wollte, nicht von der Stelle.

Am besten ziehen sich die Drucker aus der Affäre. Die Prospekte sind beinahe kostbar. Was drin steht, leuchtet matt von jenem banalen Optimismus, wie wir ihn von Unternehmen kennen, die sich ihres Angebots selbst nicht ganz sicher sind. Die Photographen hatten es schwer: Aufgewühlte Dünenlandschaft gibt nicht viel her.

Auch im Tunnel selbst gab es so sehr viel noch nicht zu sehen. Sein Eingang liegt etwa fünfzehn Kilometer vom Ausstellungszentrum entfernt, in Richtung Dover. Die Sicherheitsmaßnahmen sind, wie heute an so vielen Orten, das Eindrucksvollste: Warnschilder, Straßensperren, Ausweiskontrollen, dann Schutzhelme und Gummistiefel, dazu ein Leinenmantel mit Leuchtfolie und um den Gürtel ein schweres Sauerstoffgerät.

So ausgerüstet, stiegen wir todesmutig in den Schacht. Keiner fühlte sich vom Tode bedroht; mindestens einer war halb tot nach sieben Kilometern Geländemarsch in warmen Klamotten mit Mantel und Schutzhelm, bei bis zu dreißig Grad Celsius. Die Tunnels für die Züge sollen dereinst voll klimatisiert sein.