Dreimal hat er gelacht, nicht gelächelt – gelacht. Durch den Kokon hindurch, den er seit Jahren um sich gesponnen hat und durch den sonst nur seine Lieder dringen. Im Regen, im Stadtpark in Hamburg, vor ein paar hurdert Leuten, die sich nicht von der feuchten Kalte abschrecken ließen, nicht von dem Risiko, wieder einmal auf einen mißgelaunten Mann zu treffen, der sich nicht als Rock ’n’ Roll-Sänger versteht, nicht als Entertainer, sondern als Musiker.

Van Morrison ist 43, könnte 55 sein, er ist zeitlos häßlich und wird immer schöner, er entzieht sich allen Kategorien. Ein kackbraunes, zu eng geknüpftes Sakko spannt sich um seinen gedrungenen Oberkörper, das früher rötlichblonde Haar wirkt aschfahl, und eine einsame Strähne liegt verloren über der Stirn. Er ist der Anti-Archetyp des Rockstars. Vielleicht muß man erwähnen, daß er nicht der Sanger der Doors, sondern der Them war, daß seine Platte „Astral weeks“ von 1968 zur Nummer eins der hundert besten Platten der Popgeschichte gewählt wurde, obwohl sie kaum etwas mit Pop zu tun hat, daß er seitdem über zwanzig Langspielplatten aufgenommen hat und immer noch nicht weiß, für wen er eigentlich singt und wohin er gehört.

Er wirkt, als spiele er nur für sich, als berühre ihn nichts. Und doch registriert er mit dem blitzschnellen Blick einer langnasigen Eule jede Reaktion des Publikums. Als am Anfang von „These are the days“ ein kurzer Beifall dankt, schiebt er ein knappes „Thank you“ dazwischen. Mehr ist nicht zu erwarten, es ist fast ein Gefühlsausbruch. Er läßt keinen Raum zwischen den Stucken, zerschneidet den Beifall mit den ersten Akkorden des nächsten Liedes. Was wollt ihr? Es geht um de Musik, ich wäre derselbe, würde ich nicht Van Morrison heißen. Also laßt den Beifall, er ist unwürdig, wenn ihr nur mich beklatscht.

Man konnte eine Konzertkritik schreiben. Könnte erwähnen, daß seine Begleitmusiker guter Durchschnitt sind, daß er diesmal auf Sängerinnen verzichtet, daß er fünf viertel Stunden gespielt hat. Könnte bedauern, daß er sich wieder einmal in einer tiefreligiösen Phase befindet und seine Stücke dementsprechend ausgewählt hat. Es wäre belanglos. Es ist kein Konzert, es ist ein Eintauchen in ein Gefühl, das durch den ersten Laut seiner Stimme angerissen wird. „Do you get the feeling?“ Ein beschwörendes Wiederholen von Satzfetzen: „I’ve been Walking, I’ve been thinking, I’ve been Walking I’ve been“ – endlos – „by the raver.“ Magisch nennt er Namen von Kirchen, Dichtern, Orten, Formeln der Erinnerung und der Verheißung, verknüpft Rimbaud mit souligen Bläser-Riffs. Jazz, Rhythm ’n’ Blues, die irische Folklore – der „Belfast Cowboy“ ähnelt einem irischen Ray Charles. Aber was sollen Vergleiche?

„Summertime in England“ verwandelt den feuchten Garten des Stadtparks in eine weltliche Kirche. Ruf und Antwort – hört ihr wirklich, was ich sagen will? Breaks, Ruhe, Ruhe, Stille und dann wieder die treibende Ekstase. Endloses An- und Abschwellen, man weiß nicht, warum diese Lieder aufhören, sie könnten ewig weiterklingen. Die Seele und der Soul finden über die Hammondorgel Georgie Farnes zueinander, als pumpender Rhythmus in den schnellen Stücken und als getragener Kirchenton in den langsamen Beschreibungen verlorener Vergangenheit. Es sind keine Hilferufe, eher ist es ein Anrufen Gottes, der Geliebten, der Natur. Und manchmal blitzt ein feiner Humor auf, wenn er das Lied „When will I ever learn to live in God“ bruchlos mit „Help me“ verbindet: „If you won’t help me, I’ll find somebody ehe.“

Van Morrisons Musik ist traurig und zugleich voller Hoffnung. Schmerz und Einsamkeit werden aber nie sentimental, durch den Klang seiner Stimme macht er sie zu einem Zustand zwischen Glück und Trauer, in dem sich die Tränen mit den Regentropfen in einem warmen Frösteln verbinden. Peter Handke hat in der „Langsamen Heimkehr“ dieses Singen beschrieben: „Seine Stimme war gleich mächtig, ohne laut werden zu müssen. Sie kam nicht aus dem Inneren des Brustkorbs, sondern bestand zunächst unabhängig von ihm, als eigener, fester, dabei nirgends zu ortender Körper... Er suchte wie ein Wahnsinniger ein ihm selber rätselhaftes Gefühl.“ Einen Ton zu suchen, den man nicht in sich selber hört, ist hoffnungslos. Konrad Headkamp