Von Bartholomäus Grill

Rosenheim, im Juni

Des Luder braucht uns ned als Nazis hinstell’n“, belfert ein Veteran und meint jene Gewerkschafterin, die da in Rosenheim sagte: „Uns sind tausend Ausländer lieber als ein Nazi.“ Dann bildet er zwischen Zeigefinger und Daumen eine zinnsoldatengroße Spanne und fügt hinzu: „Aber so a ganz kloaner Führer g’hört wieda her, so a ganz kloaner!“ Der Stammtisch in Rieden brodelt. „Und was machen wir dann mit so einem Mini-Hitler?“ fragt ein jüngerer in die Runde. „Füttern, daß a ganz groß wird!“ antwortet ein anderer. Bert, der Wirt, fügt hinzu: „Mit da Flasch’n täten sie ihn aufziehn.“ Dann kramt er einen Totenkopfring der Waffen-SS aus der Schublade, den Skorzeny, der Mussolini-Befreier, getragen hatte – gewidmet von Heinrich Himmler. In die Bewunderung für die NS-Devotionalie mischen sich skeptische Töne; vom sinnlosen Krieg ist die Rede, von der Judenvergasung und von gemeinen Denunzianten am Orte.

Nein, sie wollen nach eigenem Bekunden nie wieder Braune ermächtigen. Sie sind nur stocksauer auf die Schwarzen und verirren sich dabei gelegentlich im Unterholz der Zeitgeschichte. Sie möchten der CSU einen gehörigen Denkzettel verpassen. Gesundheitsreform, Asylanten, Flugbenzin, Quellensteuer lauten die Reizworte. Die ungewisse Reise nach Europa interessiert so gut wie keinen. Den Protestwählern kommt der Urnengang am 18. Juni gerade recht, denn der dreht sich schließlich nicht um die Macht im Maximilianeum, sondern nur um das „Kasperlparlament“ in Straßburg. Der Stammtisch, das kleinste und lauteste politische Forum im Lande: hier dreht sich alles um die (schlechte) Politik. Sie ist auch im Hinterland spannender geworden – und eindimensional geblieben. Wenn über die „Ausländerschwemme“ diskutiert wird, kriecht dumpfer Fremdenhaß aus den Bierkrügen.

Die CSU ist in Gefahr, im Jahre eins nach Strauß die Lufthoheit über den Stammtischen zu verlieren. In Rieden steht es derzeit unentschieden: „Fünfzig Prozent für Streibl und Waigel, fünfzig Prozent für Schönhuber“, schätzt einer der Zecher. Rieden, ein winziges Dorf, das die Modernisierungswalze noch nicht überrollt hat, liegt am Nordrand des Landkreises Rosenheim. Der Landkreis ist „die stärkste Bastion“ der Republikaner, wie ihr Vorsitzender vergangene Woche dortselbst verkündete. In diesem Landstrich könnten die Rechten leicht jene achtzehn Prozent der Stimmen einheimsen, die ihnen die Mannheimer Forschungsgruppe Wahlen bayernweit prognostiziert hat. Schon bei der Landtagswahl 1986 waren sie hier auf 7,6 Prozent gekommen. In Nachbarorten wie Kolbermoor stießen sie mit 16,7 Prozent sogar in SPD-Niederungen vor.

Damals fand die größte Wahlkampfveranstaltung in Rosenheim statt. Auch diesmal lockte Schönhuber wieder 6000 Sympathisanten und Neugierige in die Inntalhalle und beglückte sie mit einer Brandrede. Wann immer der „große Vorsitzende ausländerfeindliche und deutschnationale Töne anschlug, schwoll der Beifallssturm zum Orkan an. Mit leuchtenden Augen schauten die Menschen zum Oberrepublikaner auf; bei manchen wurde das Wammerl nebst Kraut vor lauter Andacht kalt. Dazu paßte der Kraftspruch, daß der liebe Gott kein Christsozialer mehr sei, sondern ein Republikaner. Einige fanatisierte Jugendliche zogen mit zum Hitlergruß gereckten Armen an ihrem „Führer“ vorbei, während draußen auf der Loretowiese rund tausend Gleichaltrige gegen die Schönhuberei protestierten.

Der Wahlkampf im Inntal hat sich in seiner heißen Phase zu einem Duell zwischen der CSU und den Republikanern entwickelt. In solchen Regionen werden Entscheidungsschlachten für ganz Bayern geschlagen. Deshalb haben Streibl & Co. rund um Rosenheim den Feind gleichsam umzingelt: In Wasserburg versuchte Landwirtschaftsminister Simon Nüssel die rebellischen Bauern zu beruhigen. Im Kurort Bad Enddorf, fünfzehn Kilometer von der Kreiszentrale entfernt, sprach, zeitgleich mit Schönhuber, der Bonner Staatssekretär Erich Riedl. In Pfaffenhofen am Inn stieg der Münchner Staatssekretär Rosenbauer aufs Podium, in Haag Umweltminister Alfred Dick. Und in Nußdorf am Inn gab sich der Ministerpräsident die Ehre. Ein Stakkato von Ortsterminen in gut einer Woche, die sich räumlich und zeitlich allesamt um den Auftritt Schönhubers ranken. Rudolf Hötzel, Kreisvorsitzender der Republikaner, hat eine andere Erklärung: „Die kriegen die Inntalhalle einfach nicht voll!“