Harald Kaas ist tot. Harald Kaas? Nur wenige kennen sein schmales Werk, aber wer einmal in die flirrend-abgründige Welt seiner Geschichten eingetaucht ist, wird sie nie vergessen können. „Uhren und Meere“ hieß der Band, der genau vor zehn Jahren erschien, mit dem weitaufgerissenen Maul eines Monsters aus dem Park von Bomarzo auf dem Umschlag. „Ich sage nicht: Ich bin tot. Aber ich sage auch nicht, daß ich lebe“, sagt darin der geisteskranke Dichter Arnulf Seegans, ein Bruder von Büchners Lenz, der auf dem schmalen Grat zwischen Nomalität und Wahnsinn balanciert, mit den Tieren und den Steinen redet und schließlich in einer Anstalt endet, verendet: „Er tötete sich an einem Märzmorgen, als im Radio gerade La Paloma gespielt wurde. Er war durchs Fenster gesprungen. Die Leiche lag mit ausgebreiteten Armen im Hof. Wie ein Vogel, sagte der Gärtner, der als erster zur Stelle war. Wie Ikarus, dachte der junge Oberarzt, wollte es laut sagen, schwieg aber, als er die anderen sah. Doch der fromme Gärtner sagte laut, daß alle es hören konnten: ‚Als hätten sie ihn abgenommen vom Kreuz.‘“

Harald Kaas, 1940 geboren, war selber verrückt, schizophren. Nach dem Studium an der Hochschule für Gestaltung in Ulm lebte er unstet hier und dort, bis er sich in München niederließ, in der Nähe der in Augsburg lebenden Eltern. War er nicht in Behandlung – und er mußte oft ins Max-Planck-Institut, wo man ihn freundlichgedämpft im Kreise seiner Mit-Kranken antreffen konnte –, war er einer der scharfsinnigsten und klügsten Gesprächspartner. Die Spannweite seines Interesses, in vielen Radio-Essays dokumentiert, reichte von den Vor-Sokratikern bis zu Robert Musil, von den russischen Anarchisten bis zu Problemen der Logik. Tertium datur war eine seiner Lieblingswendungen, es gab jenseits des positiven Wissens für ihn eine Dimension, die wir, die Normalen, nur erahnen oder in seinen hochpoetischen Geschichten nachlesen konnten. Die Zeit, über die er so viel geschrieben hat, hatte ihn längst aus ihrer linearen Ordnung entlassen: „Es gibt Sekunden, die Jahre währen und, umgekehrt, Jahre, die wie Sekunden verschwinden. Die Schläge der Uhren suchen mich heim. Unmöglich, zur rechten Zeit am rechten Ort zu sein. Überall fehl am Platz, da und dort im Wege: so strebe ich, von keinem Ziel erwartet, vorwärts.“ Mit der Zeit wurde es immer unmöglicher, seinen Bewegungen zu folgen, die schließlich nur noch in seinem Kopf stattfanden; die Krankheit hatte ihn mehr und mehr aufgesogen und von den andern, die gerade dieser Einzelgänger so bitter nötig hatte, getrennt. Die abendlichen Telephonanrufe, mit denen er seine wenigen Freunde erschreckte, wurden immer kürzer und wirrer, ihre Botschaften immer monströser: je schwächer er wurde, desto fabelhafter wurden seine Pläne, desto gewalttätiger seine verrutschten Phantasien. Es war schwer, aus diesen Wahnbotschaften den Hilferuf zu hören, der in ihnen verschlossen lag. Hätte man ihm helfen können?

Es bleiben, neben der Erinnerung an einen ungewöhnlichen Menschen, der nichts, aber auch gar nichts mit dem Kulturbetrieb zu tun hatte, seine Texte. Ich las die unheimlichen Geschichten wieder, die Aufsätze auf schon vergilbtem Manuskriptpapier und sein kluges Nachwort zu Däublers Gedichten, das mit Zeilen endete, die wie ein Nachruf auf ihn selber klingfen: „Wer ihn wiederentdecken will, tut gut daran, sich nicht durch pompöses Gehabe und Getue abschrecken zu lassen, sondern – gleichsam gegen den Strich lesend – Däubler dann zuzuhören, wenn er gesammelt, kindlich, einfach oder aber, den Assonanzen und Assoziationen vertrauend, prophetisch spricht: ein gewaltiger Sänger, der mit intuitiver Gelehrsamkeit die mythischen Register beherrscht oder, wo er ganz bei sich selbst ist, mit wenigen Worten die Stille zu ,verdeutlichen‘ weiß, so daß der Leser vernimmt, was wenige Dichter auszusagen vermögen – die Antwort des Schweigens.“

Michael Krüger