Erstmals werden fremde Gene gezielt auf den Menschen übertragen

Von Hans Schuh

Nur in einem waren sich Befürworter und Gegner einig, nämlich daß es sich um einen historischen Vorgang handle um den Einstieg in die Gentherapie Erstmals dürfen mit offiziellem Segen fremde Gene auf Menschen übertragen werden Monatelang hatten Gentechnik-Gegner um den Aktivisten Jeremy Rifkin mit Einsprüchen und gerichtlichen Klagen versucht zu verhindern, was in der vierten Maiwoche in Bethesda/Maryland geschah Im Klinikzentrum der Nationalen Gesundheitsinstitute (National Institutes of Health, NIH) hatte ein Team unter der Leitung von Steven Rosenberg und French Anderson einem unheilbar an Krebs Erkrankten weiße Blutkörperchen injiziert, die ein fremdes Gen bakteriellen Ursprungs enthielten An insgesamt zehn Freiwilligen soll dieses Verfahren in den nächsten Wochen erprobt werden

Ziel der Genmanipulation ist es, die eingespritzten Blutkörperchen, sogenannte "Tumor-infiltrierende Lymphozyten" (TIL), mit dem fremden Gen so zu markieren, daß sich die Ausbreitung der Lymphozyten im Korper verfolgen laßt Auch wenn das fremde Gen als Sonde dient und nichts zur Therapie beitragt – das erstmalige Einschleusen fremden Erbmaterials in den Menschen wird allgemein als entscheidender Schritt hin zur Gentherapie gewertet Von dieser Zukunftstechnik versprechen sich Befürworter "eine medizinische Revolution, vergleichbar mit der Einführung der Antibiotika" Gegner hingegen sehen im jetzigen Experiment eine potentielle Einstiegsdroge für gezielte genetische Veränderungen am Menschen, einen Schritt auf einem schlüpfrigen Abgrund, der uns Aldous Huxleys "Schoner neuer Welt" ein Stuck naher bringe, wie Rifkin meint Heike Wilms-Kegel, Bonner Abgeordnete der Grünen und Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Jugend, Familie, Frauen und Gesundheit, halt das Experiment für "voreilig und nicht zu vertreten" Es sei "schlimm, wenn Menschen zu Versuchska ninchen gemacht werden, die Angst vor dem Tode haben" Sie fordert ein Moratorium für solche Experimente

Was aber hat Todgeweihte dazu bewegt, sich für die Versuche zur Verfugung zu stellen? Wo liegt die Faszination für ein Experiment, dem ein US-Bundesrichter, das Bundesgesundheitsamt, die Nationalen Gesundheitsinstitute, zahlreiche Sachverständige, Juristen und Ethiker nach monatelangem Abwägen grünes Licht gegeben haben?

Bereits seit Jahren verfolgt Steven Rosenberg vom National Cancer Institute die Strategie, den Krebs mit körpereigenen Mitteln zu bekämpfen Eine möglicherweise wichtige, noch keineswegs ganz verstandene Rolle in der Tumorabwehr spielen bestimmte Lymphozyten, die sich als "Killer zellen" zerstörend gegen eigenes, wucherndes Gewebe einsetzen Wichtig für das Heranreifen und Aktivieren dieser "Killerzellen" ist ein körpereigener Botenstoff, das Interleukin-2 Dieses Immunstimulans wird seit einiger Zeit gentechnisch hergestellt – und hat seine Tücken Trotz geringer Dosen kann Interleukin-2 unangenehme Folgen wie hohes Fieber auslosen

Um die Krebspatienten von solchen Nebenwirkungen zu entlasten, verfiel Rosenberg auf einen Ausweg Er entnahm den Kranken Lymphozyten, insbesondere die TIL, die in den Tumor eingedrungen waren Diese Lymphozythen züchtete er zu Milliarden Exemplaren heran und machte sie mit Interleukin 2 im Reagenzglas "scharf" Die aktivierten TIL verabreichte er dann Patienten, deren Nieren- oder Hautkrebs (malignes Melanom) mit klassischen Mitteln nicht mehr zu behandeln war In einigen Fallen verzeichnete Rosenberg erstaunliche Erfolge bis hin zum seltenen völligen Verschwinden der Tumoren In vielen anderen Fallen blieb er dagegen erfolglos Kein Wundermittel also, aber eine Spur, die zu verfolgen sich lohnt