Wie die Vogelmutter von Sylt ihres Amtes enthoben wurde

Von Hans-Ulrich Stoldt

Tinnum

Hier ist was los“, stöhnt Dorothea Unruh, „das kann ich Ihnen sagen.“ Die 71jährige ist eine berühmte Person auf der Nordseeinsel – überall wird sie nur „Vogelmutter“ genannt, sie hört es nicht ungern. „Die Frau ist für mich ein richtiges Denkmal“, sagt Anatol Buchholtz vom Sylter Tierschutzverein. Doch das Monument schwankt.

In der und um die „Inselgemeinschaft zur Rettung verölter Seevögel e. V.“, deren erste Vorsitzende Dorothea Unruh bis vor kurzem war, tobt ein häßlicher Streit. Kaum eine Woche vergeht, in der die örtliche Presse nicht mit Neuigkeiten aufzuwarten weiß oder sich die Leserbriefspalten mit Meinungen Sylter Bürger füllen.

Dorothea Unruh war vor elf Jahren auf die Insel gekommen, um hier ihren Lebensabend zu verbringen. Als sie das Elend verölter Seevögel am Strand sah, beschloß sie zu helfen. Sie nahm die Tiere mit in ihre kleine Wohnung, wusch und pflegte sie dort. Bald wuchs ihr die Arbeit über den Kopf; sie gründete einen Verein und baute die Station in Tinnum, nahe Westerland, auf. Dort lebt sie nun auch selbst seit sieben Jahren, gleich neben den Seevögeln im Käfig und den jungen, elternlosen Seehunden im Becken – und nicht viel komfortabler. Viele Freiwillige halfen beim Aufbau der Station, Spenden flossen, im vergangenen Jahr 378 000 Mark – rasch zählte die Interessengemeinschaft 600 Mitglieder.

Der Einsatz der Frau Unruh fand bei Syltern und Urlaubern gleichermaßen Anerkennung: endlich mal eine, die nicht nur redet, sondern etwas tut. Bundesumweltminister Klaus Töpfer zollte ihr bei einem Treffen im vergangenen Jahr Respekt: „Ihr Engagement und ihre beispielhafte Arbeit haben mich sehr beeindruckt.“