Ausgerechnet in einem französischen Zwei-Sterne-Restaurant flüsterte mir der flämische Küchenjunge Koen sein wohlgehütetes Geheimnis zu: "Die besten Pommes frites gibt es in Gent." Seit dieser Offenbarung zur belgischen Küche war es klar: Ich mußte in die Hauptstadt der Fritten fahren.

Als Lektüre zur Reisevorbereitung wählte ich "Kartoffeln und Kartoffelerzeugnisse" von Gerd Adler, die im Laufe gut eines Jahrzehnts leicht zerfledderte Fibel für alle professionellen Verarbeiter der braunen Knolle und zugleich Beleg für die These, daß die Sprache der Lebensmittelchemiker kaum genußfördernd ist und ohne Schwierigkeit auch die Produktion einer Sperrholzplatte beschreiben könnte. Der Schälverlust bei Handarbeit, so steht da zu lesen, betrage neun Prozent bei einer typischen 160-Gramm-Knolle, und die in heißem Öl gebackenen Kartoffelstreifen seien den profanen Kochkartoffeln oder dem gemeinen Püree im Phenylalanin-Gehalt weit überlegen. Immerhin.

Um diese Erkenntnisse reicher komme ich in Gent an, wenngleich ein wenig enttäuscht, denn von den erwarteten Frittenplantagen war rund um die Stadt nichts zu sehen. Vor dem Bahnhof nehme ich die Fährte auf: Zuerst ist nur ein blaßgrünes Plastikgäbelchen auf dem Bürgersteig zu entdecken, zehn Meter weiter dann ein zweites, ein drittes und richtig – als ich in die Konigin-Astrid-Laan biege, steht er vor mir, der Imbißwagen "Monsieur Frites".

Ich bestelle bei dem großen blonden Flamen vor den Bergen blonder, zum Ölbad verurteilter Kartoffelschnipsel für 2,50 Mark eine Portion "Pommes frites", unbeanstandet, denn bei frites oder frieten hört die Sprachfeindschaft in Belgien auf.

Die Vielfalt der Soßen in viereckigen Bottichen erscheint demjenigen, der nur die deutsche Wahl zwischen Ketchup und Ketchup kennt, geradezu paradiesisch: 21 Sorten, von Pili-Pili über Tartaar bis zur martialischen Samoerai. Ich entscheide mich für Provencaalse zum Aufpreis von fünfzig Pfennig. Die Fritten sind nicht sehr fett, angenehm schwach gesalzen, knusprig mit einem Stückdurchmesser von ungefähr einem Zentimeter – nach Adler das Idealmaß. Ich bin geneigt, das silberne Gäbelchen zu vergeben mit anerkennender Auszeichnung dafür, daß "Monsieur Frites" Servietten anstelle des üblichen saugschwachen Papiers anbietet.

An der Ecke Kortrijksepoortstraat und Coupure links fällt mein Blick auf ein am Boden festgeklebtes Pappschälchen – der Connaisseur erkennt sofort anhand der cremig-gelben Reste die Currysoße. Doch wenig mehr als hundert gierige Schritte entfernt ist die Enttäuschung groß: "Frituurwagens Ronny" ist geschlossen.

Entlang der Leie, in der zwei Ruderboote und ein Müllsack dümpeln, vorbei am frittenförmigen Koornmarkt und den stufengiebeligen Zunfthäusern, führt die Suche nach dem erneuten Pommes-Glück zum Groentenmarkt. Fast im Schatten des Grafenschlosses erlöst mich die Frittenbar im T’Groen-Haus, die sich rühmt, daß ihr Fett besonders häufig kontrolliert wird ("Grassi-Test"). Die Reinheit des Öls ist den Belgiern allererstes Gebot.