Ben Hecht: Revolution in der Teekanne

Als junger amerikanischer Zeitungskorrespondent kam Ben Hecht, der später als Hollywood-Drehbuchschreiber berühmt werden sollte, Anfang November 1918 nach Deutschland – mitten hinein in jene unruhige Umbruchzeit vom Kaiserreich zur Weimarer Republik. Er verkehrte mit Revolutionären und Gegenrevolutionären, interviewte die Repräsentanten der alten Ordnung – kaiserliche Politiker und Generäle – und die Wortführer der neuen, die Sozialdemokraten Ebert und Scheidemann, die ihm als "komische und armselige Marionetten" erschienen. Mit neugierig-kritischem Reporterblick erkannte Hecht schon früh, daß diese "deutsche Revolution" eher einer Posse glich, daß die Militärs keineswegs entmachtet waren, sondern schon wieder ihre Soldatenstiefel wichsten, um die Welt mit einem Revanchekrieg zu überziehen.

Die Sehnsucht der deutschen Ordnungsfanatiker nach dem kräftigen Peitschenknall eines neuen "Führers", ihr aus eingebildeter Angst und zynischem Kalkül gespeistes Bolschewismus-Syndrom – selten sind sie so scharf angeleuchtet worden wie in den Erinnerungen des Autors "A Child of the Century (1954), aus denen jetzt Auszüge, "Geschichten aus Deutschland 1919" (aus dem Amerikanischen von Dieter H. Stündel und Helga Herborth, Wolke Verlag, Hofheim 1989; 112 S., 19,80 DM), zusammengestellt und übersetzt wurden. Darin findet sich auch ein überaus sympathisches Portrait des Malers George Grosz, mit dem Ben Hecht seit den Berliner Revolutionstagen eine lebenslange Freundschaft verband. In dessen Zeichnungen erkannte er den Typus des selbstgefälligen, stiernackigen Spießers wieder, der ihn selbst so sehr abstieß.

In seinem Rückblick auf die Bohème der frühen zwanziger Jahre, "Letters from Bohemia" (1964), steht der vielsagende – hier im Nachwort von Helga Herborth und Karl Riha zitierte – Satz: "Lange Zeit gab es nur ein einziges gutes Wort, das ich über die Deutschen zu sagen hatte: George Grosz." Volker Ullrich