Der Transport des Gerstensaftes ist so, wie das Städtchen Seßlach aussieht – altertümlich

Von Roland Kirbach

Emil Haas hat ein rundes, rosiges Gesicht, rissige Arbeitshände so groß wie Schaufeln, und von dritten Zähnen scheint er nichts zu halten. Breitbeinig steht er neben dem überdimensionalen Kessel im Brauhaus und schwadroniert: "Früher haben die Leute viel mehr Bier getrunken!" Der vorwurfsvolle Ton ist nicht zu überhören. Schon des Morgens hätten die Bauern ihre Halben geleert. "Bier ist eine flüssige Nahrung!" sagt er mit solchem Nachdruck, daß man merkt: Er meint das nicht nur als launige Redensart. Damals, als die Leute diese Erkenntnis noch beherzigten, hat er bis zu fünfzigmal im Jahr einen Sud Bier gebraut; ein Sud sind immerhin 3200 Liter.

Aber die guten alten Zeiten sind passé. Die Leute trinken nicht mehr soviel. Vornehmlich den Jüngeren schmeckt Emil Haas’ Bier auch nicht mehr. Es ist nämlich sehr bitter und stark – an die vierzehn Prozent Stammwürze, damit es sich länger hält. Das ist schon an der unteren Grenze zum Starkbier. Natürlich ist sein Gerstensaft frei von jedwedem chemischen Zusatz. Kein Bier sei reiner als seines rühmt sich Haas. Er filtriert es nicht einmal und empfiehlt daher, das frische, noch hefetrübe "Jungbier", wie er es nennt, erst noch eine Zeitlang zu lagern, damit es "klart".

Eigentlich ist Emil Haas Bauer von Beruf. Er bewirtschaftet einen Hof, "aber mit der Landwirtschaft wird’s ja immer schlimmer". Nebenbei arbeitet er als Braumeister, und zwar bereits "seit 28 Jahren, in dritter Generation", wie er betont. Von seinem Schwiegervater hat er das Amt damals übernommen. Er hält damit eine Tradition aufrecht, die es nur hier noch gibt, in Seßlach in Oberfranken. Hier wird Bier noch unter der Regie der Stadt gebraut, Emil Haas ist Bediensteter der Stadtverwaltung.

Teure Pflicht

Als der kleine Ort im Jahr 1335 von Kaiser Ludwig dem Bayer zur Stadt erhoben wurde, erhielt er unter anderem auch das Braurecht. Damit sollte der Stadt eine Einnahmequelle zur Finanzierung diverser anderer Rechte geschaffen werden, etwa des Rechts, "sich zu vesten mit Mauern und Gräben, wie sich eine Stadt durch Recht vesten soll und mag". Dies war im Grunde mehr teure Pflicht denn billiges Recht. Doch die Einnahmen aus dem Bierausschank zum Bau der Wehr scheinen reichlich geflossen zu sein. Schon dreißig Jahre nach der Erhebung zur Stadt verlieh der damalige Grundherr, Bischof Albrecht von Hohenlohe, den Seßlachern ein Rüggericht, "weil sie ihre Stadt befestigt hatten". So durften sie nun über kleinere Vergehen selbst Gericht halten.