Heute trägt sich das städtische Brauereigeschäft so eben selbst. Es bringt keine Gewinne mehr, verursacht aber auch noch keine Verluste. Rund dreißig Sud braut Emil Haas derzeit im Jahr, davon ein Drittel allein für den Gasthof "Reinwand". Es ist das einzige Wirtshaus am Ort, das sein Bier noch aus dem Kommunbrauhaus und nicht von einer Brauerei bezieht. Etwa alle sechs Wochen, wenn die Lagertanks des Gasthofs zur Neige gehen, kann man ein seltenes Schauspiel beobachten: Dann steht Emil Haas mit einem Schlauch am Fenster des Brauhauses und füllt das Bier in Butten, die auf dem Rücken getragen werden. Ganz vorsichtig, damit nichts von dem edlen Gerstensaft verschüttet wird, laufen die Träger über den Maximiliansplatz zur Gaststätte. Dort, in der Küche, wird das Bier in ein Holzfaß geschüttet, das zu einem Trichter umgearbeitet wurde. Von hier rinnt es in die großen Behälter im Keller.

Die anderen zwei Drittel seines Bierausstoßes liefert Haas an Privatleute. Er läßt jeweils so viele Bestellungen zusammenkommen, bis ein Sud voll ist. Abholen müssen sich die Kunden ihr Bier selbst – in Fässern, Kannen oder Eimern. Flaschen sind verpönt, hat es nie gegeben und soll es auch nie geben. Derzeit kostet der Hektoliter 67 Mark; das sind gerade 33 Pfennig für die Halbe. Wo sonst gibt es noch so billiges Bier? "Aber die Jugendlichen hocken sich ins Café und zahlen über zwei Mark für Nullkommavier!" klagt Haas – über den Verfall der Sitten. Allein diese schreckliche Maßeinheit "Nullkommavier" läßt ihn schaudern.

So altertümlich, ja anachronistisch, wie Emil Haas und sein kommunales Bier anmuten, so wirkt das ganze Städtchen Seßlach. Die Stadtmauern um die historische Altstadt, in der noch die Hälfte der rund 1200 Einwohner lebt, ist vollständig erhalten. Sogar lose Schleudersteine, mit denen einst unerwünschte Eindringlinge abgewehrt wurden, liegen noch obenauf. Nur durch die drei engen Stadttore im Nordosten, Südosten und Südwesten kann Seßlach betreten werden.

Die Altstadt, die gänzlich unter Denkmalschutz steht, bietet eine Fülle historischer Sehenswürdigkeiten: etwa die ursprünglich gotische Johanneskirche, später mit einigen barocken Ergänzungen versehen; oder das alte Vogteihaus; das Renaissance-Schlößchen, das einst Amtsgericht war; der dreistöckige Kornschüttboden des Juliusspitals in Würzburg, später als Schule und heute als Heimatmuseum genutzt; das Rathaus aus dem 16. Jahrhundert; die ehemalige königlich bayerische Salzfaktorei und nicht zuletzt die zahlreichen Fachwerkhäuser mit ihren gewölbten Toreinfahrten, deren Fassaden zuweilen mittelalterliche Bildhauerkunst ziert. Kaum ein anderer Ort bietet ein solch geschlossenes spätmittelalterliches Bild wie Seßlach.

Daß sich dem Besucher dieser Eindruck so nachhaltig vermittelt, liegt indes nicht nur an der Bausubstanz selbst, sondern an einer vorbildlichen Grundstücks- und Sanierungspolitik der Stadt. Systematisch wurde die Altstadt in den vergangenen Jahren restauriert. All die städtebaulichen Sünden der sechziger und siebziger Jahre wurden getilgt. So manches Fachwerk, das hinter häßlichen Eternit-Platten verschwunden war, ist wieder freigelegt. Besonders gelungen ist die Gestaltung der Straßen und Plätze. Bürgermeister Hendrik Dressel, ein junger, bescheidener Mann, ist stolz darauf, daß in der ganzen Altstadt nun keine geteerte Fläche mehr zu sehen ist. Die Fußwege mit den hohen Bordsteinkanten und die schönen, glatten autofreundlichen Gassen – sie wurden "zurückgebaut". Jede Straße, jeder Platz im alten Seßlach wieder gepflastert, größtenteils mit alten, gebrauchten Steinen.

Bei einem Wettbewerb des bayerischen Innenministeriums vor zwei Jahren zum Thema "Innenentwicklung unserer Städte und Gemeinden" wurde Seßlach Landessieger. Die Bewertungskommission rühmte: "Die Rahmenplanung der Stadt hat bemerkenswerte Qualität." Und: "Es ist besonders wohltuend, daß die Altstadt gegenüber den Neubaugebieten her abgegrenzt und freigestellt ist und hierdurch deren historische Bedeutung im Landschaftsraum deutlich erkennbar bleibt."

Bei einem ähnlichen Wettbewerb des Bundesbauministeriums, gleichfalls vor zwei Jahren, wurde Seßlach sogar Bundessieger. Das Ministerium lobte beispielsweise, daß bei der Erneuerung "verlorengegangene handwerkliche und technische Fertigkeiten und Erkenntnisse der Bauforschung" zurückgewonnen worden seien: "Beispielhaft ist dabei auch die Wiederverwendung alter Baumaterialien, die Aufarbeitung von Türen und Fenstern sowie die Rückbesinnung auf zwar alte, aber sehr wirksame umweltschonende Heizungstechniken."