Der bisherige Außenminister Sosuke Uno wurde zum 75. Premierminister Japans ernannt. „Uno und sein Kabinett sind nicht nur zweite Wahl, sondern eine LDP-Spekulation auf Zeitgewinn“, kommentierte die Tageszeitung Asahi Shimbun mit dem Hinweis, daß Uno im Herbst von der Regierungspartei im Amt bestätigt werden muß.

Kaum hatte Unos Vorgänger Takeshita, der seit Ende April nach einem nicht in die Recruit-Bestechungsaffäre verwickelten Spitzenpolitiker fahndete, in einsamer Entscheidung seinen Außenminister nominiert, begannen Parteimitglieder öffentlich zu meutern. Die ehemaligen Ministerpräsidenten Zenko Suzuki und Takeo Fukuda warfen Takeshita vor, den dringend nötigen Säuberungsprozeß der Partei zu verschleppen. Uno sei als führendes Mitglied des LDP-Flügels von Nakasone jenem Mann treu ergeben, dessen vermutete Schlüsselrolle in dem Korruptionsskandal nur dank staatsanwaltschaftlicher Impotenz im dunkeln bleibe. Doch schließlich siegte das Kalkül, daß ein Skandalende mit Schrecken allemal dem Schrecken eines Machtvakuums ohne Ende vorzuziehen sei. Verlegenheitspremier Uno verfügt über keine eigene Hausmacht, ein Novum in der LDP-Geschichte. Auch legte sich auf die weiße Weste Unos und seiner Regierungsmannschaft ein erster Grauschleier: Ein Uno-Inkasso-Verein gestand Recruit-Spendengelder und vier seiner neuen Minister waren der Recruit-Organisation schon vor Jahren Zuwendungen wert gewesen.

Uno, der Sohn eines Reisweinbrauers, ist ein kultivierter Mann, der gelegentlich Haiku dichtet. Bekanntes Opus: „Die Kartoffel, auf die ich zehn Nächte gewartet habe, ist mir vom Eßstäbchen gerutscht.“ Diesmal hat Uno die Kartoffel zwar im Griff. Aber seine Gegner werden kaum länger als „zehn Nächte“ warten müssen, um sie ihm wieder abzunehmen. hb