Hannover: „Marianne Werefkin“

Der Blaue Reiter, ein deutsches Kunstheiligtum, ist, so sah man es bisher, in der Hauptsache eine Männergesellschaft, bestehend aus Kandinsky, Marc, Macke, Klee und Jawlensky. Am Rand nur tummelten sich ein paar Frauen, Gabriele Münter und auch Marianne Werefkin. Jahrzehntelang war die Russin Muse von Alexej Jawlensky – eine selbstauferlegte Mission. Für Jawlensky, den sie 1891 kennenlernte, gab sie auf, was sie bis dahin gelernt und erreicht hatte. Zehn Jahre lang rührte die talentierte, als „Rembrandt Rußlands“ hoch gelobte Schülerin von Ilja Repin keinen Pinsel mehr an, setzte ihr Vermögen ein, um mit Jawlensky nach München zu gehen, für ihn ein Atelier, Malgerät und Reisen zu finanzieren, lebte mit dem Künstler, den sie erziehen und bilden wollte, 27 Jahre zusammen. Schnell wurde die kluge und streitbare Gesprächspartnerin ein Mittelpunkt der Münchener Gesellschaft, führte in ihrer komfortablen Wohnung in der Giselastraße einen gern besuchten Salon. In ihrer großen Aufgabe jedoch schien sie zu scheitern. Jawlensky, zögernd seinen Weg suchend, wurde nicht zum materialisierten Abdruck ihrer kunsttheoretischen Überlegungen. Umsonst die Reisen nach Frankreich, nach Paris, umsonst die Diskussionen über van Gogh und Gauguin, die Gespräche über eine Malerei ohne Beleuchtungslicht, über das Licht in der Farbe, eine Kunst der Emotion. 1906 begann Marianne Werefkin wieder zu malen, knüpfte an das auf den Reisen Gesehene an. Überdeutlich in den ersten Werken die Vorbilder: der Einfluß von Gauguin, Odilon Redon, Toulouse-Lautrec und Munch. 1908/10 dann entsteht das bekannte expressionistische Selbstportrait, das die Werefkin mit grünlichgelber Haut und rotstechenden Augen zeigt, ein Blick, mit dem sie ihrer Umgebung eine Botschaft einzubrennen scheint. Landschaften werden zum bevorzugten Thema: zusammenstürzende Berge, endlose Horizonte oder jäh verstellte Perspektiven, karnevalesk aufglühende Farben, eine taumelnde Welt, exaltiert und gefühlsgeladen. „Die Kunst, das sind Funken, die durch die Reibung des Individuums mit dem Leben entstehen...“, schreibt Marianne Werefkin. In dieser Zeit taten auch Kandinsky, Gabriele Münter und Jawlensky den Sprung von einer naturabmalenden zu einer abstrahierenden, flächigen Malerei. 1909 wurde die „Neue Münchener Künstlervereinigung“ gegründet. Mitglieder waren unter anderem Kandinsky, Gabriele Münter, Jawlensky und als initiierende Kraft Marianne Werefkin. 1911 spaltete sich von der Künstlervereinigung der „Blaue Reiter“ ab.

Die Führungsrolle in der Vorgeschichte des Blauen Reiters bis 1910 will eine zuerst in Ascona (Monte Verita) und München und jetzt in Hannover gezeigte große Retrospektive einklagen. Freilich ein eher zu lesendes als zu sehendes Plädoyer. Das Recht zur Verweigerung – aktuell und kompliziert, wie das heute noch ist, zeigt der monographisch gründliche, reich illustrierte Katalog: Die Jawlensky-Vergleichsabbildungen mußten geschwärzt werden. Die Erbinnen des Künstlers hatten Einspruch erhoben. (Kunstverein bis zum 2. Juli, Katalog 35 Mark) Elke von Radziewsky