Von Mathias Greffrath

Naturdämmerung" – so nannte der Biologe Hubert Markl in seinem Buch "Natur als Kulturaufgabe (1986) unsere Epoche. Auch in seiner neuen Aufsatzsammlung führt er die Zahlen noch einmal vor: über das Verschwinden der Tiere, das Aussterben der Pflanzen und das Explodieren der Menschheit. Und wieder steht am Ende des Katalogs unserer Leiden die nüchterne Utopie: "Der Mensch hat sich ... die Erde Untertan gemacht, nur recht und billig, ... daß er nun für sie Verantwortung und Sorge trägt, daß er in Obhut nimmt, was er bisher nur überwältigte. Das wird gewiß nicht leicht sein, aber es sieht nicht so aus, als gäbe es – außer in zornigen Träumen – sehr viel Alternativen." Da kommt also, am Ende unserer spesenreichen Neuzeit, noch einmal Candide, nüchtern und ein wenig traurig, und sagt: Mehr als ein Garten ist nicht drin, wenn überhaupt. Das Werkzeug für diesen Gartenbau aber ist dasselbe, mit dem wir die Wildnis zerstört haben: Wissenschaft. Und dieses Werkzeug sieht sich Markl, seit drei Jahren Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, in seiner neuen Aufsatzsammlung an. Markl will in seinen – wiederum brillant geschriebenen – Aufsätzen einem Klima der Wissenschaftsfeindlichkeit entgegenarbeiten. Er polemisiert gegen den (allerdings ziemlich im Schwinden begriffenen) Natürlichkeitskult der Grünalternativen und rechnet noch einmal die Erfolge des Projekts Wissenschaft vor: Gesundheit, Lebenserwartung, Ernährung und vor allem: die Fähigkeit, die schädlichen Folgen der Wissenschaft zu erkennen.

Es gibt keine Alternative zur Wissenschaft – das ist ja richtig, und deshalb wundert es, wie defensiv die Argumentation zuweilen gerät, etwa wenn Markl vorrechnet, daß weniger Menschen in großtechnischen Katastrophen umkommen als beim Sport. Das lenkt eher ab vom verantwortungsethischen Optimismus der Hauptthese: Wir brauchen mehr Wissenschaft, nicht weniger. Und vor allem nicht länger diese halbierte Wissenschaft, die nur die Natur beherrschen will, die so vielen nützt und eine Nebenfolge nach der anderen produziert, vom Nitrat in der Muttermilch bis zu den Algen im Meer. Es geht darum, das "wirklich von wissenschaftlich-rationalem Denken geprägte Zeitalter" überhaupt erst einmal anfangen zu lassen. Ein Zeitalter, in dem Wissenschaft und Technik sich nicht länger "so naturwüchsig ereigne(n), wie es die Innovations-, Konkurrenz- und Selektionsprozesse der natürlichen Evolution seither getan haben und wie sie die kulturelle Evolution nur wirkungsmächtiger fortgesetzt hat" – fügen wir der Deutlichkeit halber hinzu: unter der Peitsche einer nach dem Maximierungsprinzip funktionierenden Ökonomie. Es geht darum, nicht länger nur die Natur, sondern unser Verhältnis zur Natur zu beherrschen.

Dabei geht es einmal sicherlich um "neue ethische Begrenzungen für wissenschaftliche Freiheit". Die Existenz der Menschheit darf keinem Experiment unterworfen werden – auch nicht dem Experiment einer Wirtschaftsform. Die Verantwortung der Wissenschaftler zeigt sich also nicht nur darin, die kostspieligen und lebensfeindlichen Nebenkosten technischer Veranstaltungen mit ins Kalkül zu nehmen, sondern soll auch "neue Formen unseres Zusammenlebens und Wirtschaftens finden, die weniger nachteilige Folgen zeitigen". Es werde, schreibt der DFG-Präsident, "immer mehr zum Hauptauftrag der Wissenschaft", herauszufinden, wie wir "die hochproduktive Industriegesellschaft und unsere Lebensgewohnheiten in ihr so rasch wie möglich im Großen wie im Kleinen so umgestalten (können), daß sie langfristig beständig – d.h. sowohl ökologisch verträglich wie sozial akzeptabel – sind".

Wissenschaft ist ein soziales System, kein evolutionäres Geschehen ohne Alternativen, und deshalb muß die Gesellschaft die Souveränität über dieses Projekt behalten. Das ist die eine Seite.

Auf der anderen ist die Suche nach Erkenntnis ein Teil der Würde des Homo sapiens; deshalb möchte Markl sie von Kontrolle freihalten. Bedingung dafür aber ist es, daß "zwischen der erkenntnisgewinnenden Forschung und der erkenntnisnutzenden Anwendung, so nahe sie heute oft aneinanderrücken, ein klarer gedanklicher und praktischer Unterschied gemacht wird" – so schwierig das politisch inzwischen auch sein mag.

Das ist ein Plädoyer für die Autonomie der Forschung; und zugleich eine Warnung an die Wissenschaftler, Forschungsfreiheit nicht als Freibrief zur Umgestaltung der Welt zu nehmen. Der Bürger werde sonst schon bald, so steckt es Markl seinen Kollegen hinter die Spiegel, "die Forscher nur noch dann frei explorieren lassen, wenn er sicher sein darf, daß sein eigenes Mitentscheidungsrecht darüber, was aufgrund dieser Forschungsergebnisse in der Welt geschieht, in der er lebt, nicht... usurpiert wird."

Wie man die gesellschaftliche Souveränität über den technischen Prozeß wiederherstellen kann, ohne die Erkenntnis zu reglementieren, das ist die Frage, die am Ende der Lektüre steht. Dort freilich hört das Grundsätzliche auf; da kann man dann nicht mehr über die Wissenschaft und den Bürger reden, da verläßt man das Reich der ebenso klaren wie radikalen Gedanken – da muß man dann daran gehen, über neue Institutionen zu reden.