Letzten Freitag früh, im Frankfurter Römer. Auf den Bänken der Dezernenten sitzen die Philosophen und die Physiker, die Juristen und die Dichter. Die Macht hat Ruhe, und es wird nachgedacht. Ein schönes Bild, draußen hupt ein Hochzeitszug. „Ethik von morgen“ – Hilmar Hoffmann, der Aufrechte, skizziert den Horizont des Römerberg-Gesprächs: Klima-Krise und Dritte Welt, Wachstumszwang und Bio-Technik. Die tägliche Dosis also. Brauchen wir eine neue Moral? Und welche?

Die Denker demonstrieren, daß die Werkzeuge zum Begreifen der Misere nicht weniger komplex sind als die Misere selbst. Der Philosoph kann die Moral nur theologisch begründen; der Theologe setzt auf die ästhetische Erschütterung durch sterbende Bäume; die Dichterin hofft auf die nächste, neue Welt. Der Physiker lobt naives Ganzheitsdenken, der Unternehmer sieht die Öko-Weiche (mikroelektronisch) längst gestellt, und die Politikerin jammert über Gestaltungsbremsen. Zwei Tage Kreisverkehr und keine neuen Argumente. Wer hier noch fragt, ob die Aktiengesellschaft (das automatisierte Wachstum) ökologisch tragbar sei, der erntet wie Otto Schily – Lacher. Zweihundert Jahre Dynamik. Wir haben (fast) jede individuelle Freiheit und vermögen (fast) nichts im System der produktiven Zerstörung.

Samstag nachmittag im Frankfurter Römer. Mit schweren Lidern steht Stefan Heym am Mikrophon und blickt nach Osten. Die Massen, sagt er, die sich schon eingerichtet hätten, um mit kleinen Seelenkosten über die Runden zu kommen, kehrten zurück in die Politik. „Es liegt etwas in der Luft“, sagt er. Aber ist es eine neue Ethik? Der letzte Redner kommt. Die Fenster gehen auf, und auf dem Platz spielt eine Blaskapelle. Moral, sagt Rudolf Burger, ein Philosoph aus Wien, macht sich breit, weil keine Zukunft ist, weil nur noch Folgen, keine Ursachen zur Disposition stehen. Moral sei die „feierliche Ergänzung“ schlechter Verhältnisse, eine „konservative Kriegsideologie, solange sie sich nicht um die Bedingungen sorgt, unter denen das Humane real wird“.

Die Verhältnisse verändern – wir hatten ihn fast vergessen, diesen Ton, und Burger nennt die schlimmen Gründe: das Ende des Kommunismus in der Diktatur; die Auflösung der Arbeiterbewegung; den Terror verirrter Bürgerkinder. Was fortwest, ist Moral – als Lehre vom „richtigen Leben im Falschen“. Applaus. Der Nullpunkt war erreicht. Die Tagung zu Ende.

Vor dem Römer stieg die junge Frau aufs Fahrrad. „Natürlich“, sagt sie, „es führt zu nichts. Auch Politik nicht.“ Und das Prinzip Hoffnung? „Nein, das ist von gestern, ist vorbei. Aber ich weiß nichts besseres als Politik. Was denn auch sonst?“ Was ist das, Politik? Sie lacht. „Die Organisation des öffentlichen Glücks.“

Sonntag abend dann: Die Bilder aus Peking. Die Schüsse, das Blut auf den Stirnbändern. „Erzählt das“, ruft die Frau, „erzählt. Die Welt muß das wissen.“

Montag früh: die „Zeitung für Deutschland“. Vorn Abscheu, drei Seiten lang. Im Wirtschaftsteil die kleine Glosse: „Unruhe im China-Geschäft ... Dennoch: Immer wieder lockt der riesige und weithin unerschlossene Markt.“