Damals, als ich so ein Schild zum ersten Mal sah, fiel mir fast das Besteck aus der Hand, rutschte mir beinahe der Wurstberg vom Teller – vor Schreck und schierem Erstaunen. Ich konnte nicht recht fassen, was ich da im eleganten Frühstücksraum des Hotels las: die profane Ermahnung, nichts vom Buffet einzupacken. Der soignierte Herr am Nachbartisch, der würde doch nie eine Schinkensemmel ins Jackett stecken, die Dame im Seidenkleid doch kein Stück Käse in die Handtasche gleiten lassen...

Das war vor Jahren und auf der Insel Sylt, und lange Zeit wurde mir keine solche Lektion mehr erteilt.

Und dann passierte es wieder. Im letzten Urlaub. Auf Mallorca. In einer laut Katalog "gepflegten Anlage" mit vier Sternen, einem Frühstücks-, einem Vor- und einem Nachspeisenbuffet. Am Morgen schon ermahnte mich ein Schild, kein Obst mitzunehmen, und beim Abendessen entdeckte ich zwischen Kartoffel- und gemischtem Salat eine häßliche kleine Tafel mit der wohl aus der Mode gekommenen Kinderstubenregel, sich doch nicht mehr auf den Teller zu laden, als man essen könne.

Gut, wir haben ja auch schon mal mit Staunen die Dame betrachtet, die nach glaubhaften Zeugenaussagen an einem Abend fünfzehn Windbeutel vom Buffet geholt haben soll; wir haben auch schon die Geschichte gehört von den kräftigen Wanderern, die sich beim Morgenmahl die Aldi-Tüten mit Obst und Brötchen vollstopfen und sich ihre Käsestullen schmieren, um die Jause einzusparen; wir haben ja selbst schon mal pyramidale Salatberge auf kleine Teller geschichtet – und dann nicht aufgegessen, weil’s so fad geschmeckt hat. Aber benehmen wir Touristen uns wirklich so schlecht, daß die Hoteldirektion uns, gar nicht diskret, Mores lehren muß?

Es hat den Anschein. Bräuchte es sonst die Signaltafeln an manchem Strand, die exhibitionistische Urlauberinnen daran erinnern, daß es nicht in jedem Land Sitte ist, den nackten Busen zur Schau zu stellen? Müßten wir Touristen sonst dezidiert darüber belehrt werden, daß man zum Dinner nicht in Unterhemd und Bikinihöschen aufkreuzt?

Träumen wir also von den utopischen Zeiten, in denen sich die Urlauber nicht mehr nach dem Motto benehmen "hier kennt mich doch eh keiner". Denn so wenig ersprießlich wie die schlechten Manieren mancher Gäste, so wenig fein sind für ein Hotel, das sich fein geben will, die Versuche, seine Kunden zu erziehen. Ganz besonders dann wirken Ermahnungen, man solle nicht in den Pool springen, formell gekleidet im Speisesaal erscheinen, kein Obst einstecken, etwas deplaziert, wenn sich eine Woche lang niemand bemüßigt fühlt, Batterien dreckigen Geschirrs vor den Zimmertüren abzuräumen.

Es ist doch was Wahres dran an der alten Lebensweisheit: Manieren sind Glückssache.

Monika Putschögl