Von Hans-Joachim Müller

Salvador Dalí, der Luxusartikel. Vor knapp zwei Jahrzehnten noch süchtig begehrt. Geduldig standen sie damals Schlange vor der Kunsthalle in Baden-Baden. So unwiderstehlich schienen die verheißenen Mysterien an den Wänden. Wirkt sie noch immer, die Droge Dalí? Oder ist sie schon mehr den historischen Genußmitteln zuzuschlagen? Die Stuttgarter Staatsgalerie wagt den Test.

Die "bisher umfangreichste Retrospektive" sollte zum 85. Geburtstag stattfinden und ist nun nach dem Tod des Künstlers im Januar dieses Jahres die erste große Gedenkveranstaltung geworden. Keine Heldenfeier. Dazu gibt sich die Monumentalrevue aus Bildern, Zeichnungen und Objekten, für die wieder einmal die komplette Museumssammlung des 20. Jahrhunderts ausgelagert werden mußte, viel zu detailneugierig und ausgewogen in den einzelnen Werkteilen. Anders als die Übersicht in Rotterdam und Baden-Baden 1970/71 gewichtet die Stuttgarter Ausstellung das riesenhafte Werk nicht nach angeblicher Bedeutung und angeblichem Verfall. Trägt vielmehr fleißig und erfolgreich zusammen, was immer erhältlich war, um die ganze ausladende Chronologie vielleicht doch einmal neu zu bedenken.

Denn der wundertätige Maler vom genialen Fach vermag unser ernüchtertes Spätzeitbewußtsein wohl nicht mehr so recht herauszufordern. Um so mehr interessieren heute die Vorgeschichte und die jahrzehntelange Selbstausbeutung des Triumphes. Schon bei seinen Auftritten in den zehner und frühen zwanziger Jahren zeigt Dalí eine Verhaltensauffälligkeit, die dem eklektizistisch geschulten, postmodernen Auge einigermaßen vertraut vorkommen muß: Da scheint ein vorerst noch mittleres Maltalent überhaupt keine Lust zu verspüren, mit der engagierten Avantgarde seiner Generation ins Feld zu ziehen und lauthals aller Geschichte den Krieg zu erklären. Lieber steht es vor dem Spiegel und gefällt sich mal in dieser, mal in jener Maske. Posiert als Impressionist, als Futurist, als Kubist, als Dadaist, als Neusachlicher, zeichnet wie Ingres, collagiert wie Gris, malt Stillleben im Stil Picassos und Stilleben im Stil der pittura metafisica.

Solche Travestien sind nicht eigentlich "Auseinandersetzungen", viel eher Manifestationen eines frühreifen Manieristen, der wohl nur so tut, als nähme er am Kunstspiel beständiger Erfindungen, Brüche, Erneuerungen und Verwerfungen teil. Der in Wahrheit jene universalistische Grandezza einstudiert, mit der er seine Ausnahmeexistenz behaupten wird. So gesehen erscheinen dann auch die postsurrealistischen Jahrzehnte mit ihren Selbstzitaten, den kunstgewerblichen Schlagseiten, der immer drohenderen Nähe zum Kitsch, mit dem Anwachsen der Bilder ins Hypertrophe und ihren keck kalkulierten Absturzgefahren weniger als Verrat denn als Ausdruck eines Kunst- und Künstlerverständnisses, das sich in der penetrant vorgeführten Virtuosität letztlich radikaler erfüllt sieht als in all den Formzertrümmerungen, zu denen die Moderne aufgebrochen war.

Die Ausstellung treibt dafür gerade so viele Belege auf wie für den Klassiker der "paranoischkritischen Methode" mit dem berühmt gewordenen Inventar auf suggestiv weiten Landschaftsbühnen: den brennenden Giraffen, zerfließenden Uhren, wuchernden Körpergliedern, den Schubladen-Figuren. Und womöglich sieht sie nicht einmal ihren Höhepunkt beim Maler der gefährlich anmutenden Bildträume. Jedenfalls schreibt sie das monströse Dali-Epos um etliche Kapitel fort. Auch um die schmählichen, die offenkundig mißratenen. Scheut sich nicht vor den etwas ermüdenden Auslassungen des "Bad-Painters" Dalí, des Großhandelsmystikers und Poster-Malers.

Die fast buchhalterische Anteilnahme der Ausstellung ist nicht ohne Gewinn. Scheint sie doch dazu angetan, eine neue Dali-Diskussion zu eröffnen. Die vielleicht einmal zwischen den peniblen Phantasmagorien der dreißiger Jahre und den krausen Blow-up’s des späten Dalí keinen kategorialen Unterschied mehr zuläßt. Es ist jedenfalls nicht das betagte Reifungsschema, es sind nicht Suche, Meisterschaft und Verschleiß, die das lange Defilee der Bilder in Stuttgart rhythmisieren. Es sind Bilder, die nie etwas anderes zeigen, als was dem unverwandt über das Wasser gebeugten Narziß entgegenscheint. Die zeigen, was er alles kann, aber mehr noch, wovon er nicht lassen kann. (Staatsgalerie bis zum 23. Juli, ab 18. August im Kunsthaus Zürich; das Katalogbuch von Karin von Maur kostet 49 Mark, im Buchhandel – Verlag Gerd Hatje – 98 Mark.)